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Die Anreise

Wenn wir gefragt werden würden, welche der Etappen auf der Reise nach Kanada wohl die anspannungsreichste war – die vierstündige Bahnfahrt von Berlin nach Frankfurt/Main, der siebeneinhalbstündige Flug von Frankfurt nach Halifax, oder die finale Tour mit dem Mietwagen durch die Nacht Nova Scotias vom Flughafen Halifax zum Hotel in Dartmouth? Nein, würden wir sagen, so richtig geschwitzt haben wir auf der Fahrt von Berlin Neukölln zum Berliner Hauptbahnhof.

 

Die Deutsche Bahn mit all ihren nervenzermürbenden Eigenheiten, der erste transatlantische Flug mit einem 9 Monate alten Baby und das nächtliche Steuern eines fremden Autos durch eine unbekannte Stadt nach einem gepflegten 16-Stunden-Reise-Tag können einen nicht derart in die Nähe des Infarkts bringen wie der Berliner Berufsverkehr gekoppelt mit den Park(un)möglichkeiten bei dieser Farce von Hauptstadthauptbahnhof. 

Ohne an dieser Stelle ins Detail gehen zu wollen: Wir haben es geschafft! 

Die Zugfahrt ist angenehm unaufregend.

Insider-Tip für’s ICE-Fahren: Wenn irgend möglich rausfinden, ob der betreffende ICE zufällig ein Modell der ehemaligen Metropolitan-Klasse ist! Die Metropolitan-Linie war eine sowohl Zuggattung als auch eigenständige Eisenbahngesellschaft, die sich auf qualitativ hochwertigen Reiseverkehr zwischen Köln und Hamburg spezuialisert hatte. Hat nur bis 2004 gehalten …

Jedenfalls werden diese Züge nun hin und wieder als kurze ICEs eingesetzt und das Schöne an ihnen ist, dass die Ausstattung der 2. Klasse in etwa der Ausstattung der 1. Klasse in „normalen“ ICEs entspricht. Natürlich ohne den ganzen sinnlosen Quatsch wie die kostenlosen Gummibärchen und  das teures-Essen-an-den-Platz-Gebringe – doch da in den Waggons auf einer Seite lediglich Einzelsitze angebracht sind, gibt es insgesamt mehr Platz, die Beinfreiheit ist größer, die Klapptische im Vierer sind besser und überhaupt erzeugt diese absurde Retro-Holzimitat-Aufmachung irgendwie mal wieder ein Gefühl von „Eisenbahnreise“ im Gegensatz zu dem funktional-anspruchslosen Sardinendosen-Konzept, dass die Deutsche Bahn ansonsten fährt. 

Baby ToJo findet’s schon mal sehr spannend und dank genügend Essen und dem obligatorisch entzückten Rentner-Ehepaar neben uns meistert sie diese erste Etappe sehr entspannt.

Auch am Flughafen läuft alles reibungslos.

Insider-Tip für’s Fliegen: Immer ein Baby dabei haben! Babies unter 2 Jahren sind wie Priority-Ticket und Vitamin-B in einem. An jeder Schlange werden wir vor gelassen; Mitarbeitende öffnen ansonsten für Normalsterbliche hermetisch versiegelte Absperrungen für uns, damit wir mit dem Baby schneller durchkommen; diverses Essen, darunter Flüssigkeiten und sogar eigenes Wasser (!!!) – also die Grundzutaten des internationalen Flugzeugterrorismus – werden einfach durch die Sicherheitsschleuse gelassen, nachdem wir freundlich lächelnd „Für das Baby …“ flöten.

An Bord der Boeing 767 stellt sich dann sofort der Zuschlag für die PREMIUM-Sitze bei CONDOR als absolut richtige Entscheidung heraus. Gut, die Auswahl aus über 40 Filmen statt eines einzigen bringt uns jetzt eher wenig, da wir ohnehin keine Zeit für ausgedehntes Entertainment finden, aber der Platz zwischen unseren Sitzen und den Sitzen vor uns ist so groß, dass Baby Tojo und ich uns später bequem ein kleines Fort einrichten und darin spielen können. Für Babies mit Bewegungsdrang sei das PREMIUM-Upgrade dringend empfohlen! Auch das um einige Klassen bessere Essen ist ein angenehmer Nebeneffekt und ohne das zusätzliche Freigepäck hätten wir ebenfalls recht alt ausgesehen. Ich bin ja sonst ein erklärter Gegner dieser ganzen klassistischen Einteilung von Privilegien in Verkehrsmitteln aber bei siebeneinhalb Stunden Flug mit Baby nimmt man, was man kriegen kann. #dierevolutionfindetwegenschlechtenwettersimsaalestatt

Und es zahlt sich aus: Baby ToJo ist zunächst rundum zen. Sie ist einfach wirklich die Beste! Nasentropfen beim Ausparken und Stillen beim Start – so ist der Druckausgleich kein Problem! Dann ein bisschen Schlafen, dann ein bisschen Base-Building mit Papa, zwischendurch Essen – sensationell. Lediglich gegen Ende des Fluges, als es laut innerer Uhr an den Nachtschlaf geht, wird’s etwas heikel. Es ist dann doch zu hell und zu laut und zu aufregend überall. Ich versuche, in der Baby-Trage soviel Nacht wie möglich künstlich herzustellen, aber spätestens als die Stewardess (hauptberuflich Lagerkommandantin) uns aus der fast leeren (!), dafür abgedunkelten und ruhigeren Business-Class rauswirft, ob wohl wir nur still schaukelnd in einer unbesetzten (!) Reihe stehen, höre ich die Nervenstränge in mir vibrieren.

Doch als Mommy wieder übernimmt, schlummert das Baby bald friedlich, gibt auch bei der Landung keinen Mucks, verschläft den Zoll (da Kinder unter 14 Jahren glücklicherweise nicht extra nochmal photographiert werden müssen), öffnet kurz die Augen im Zuge der sehr freundlichen und reibungslosen Abholung des Mietwagens bei BUDGET und erwacht erst wieder als wir im Hampton in Dartmouth (zwischen Flughafen und Halifax, nahe der Spedition – dazu später mehr) erfolgreich einchecken.

Während wir BUDGET hauptsächlich wegen des günstigsten Preises und der vergleichsweise simplen Reservierung (ohne Kreditkarte!) im Internet gewählt haben, war das Hampton by Hilton eine Frage der Praktikabilität und des Wunsches nach einer sicheren Bank in Sachen Schlafkomfort nach dieser ereignisreichen und langen Anreise. Es gibt sicherlich preiswertere, zentraler und vor allem ansehnlicher gelegene Hotels in Halifax, doch mit denen befassen wir uns erst in 3 Monaten, wenn wir die letzten 4 Tage unserer Kanada-Tour in Nova Scotia verbringen.

Um 22:05 Ortszeit – für unseren Bio-Rhythmus 03:00 in der Nacht – fallen wir zu dritt nach 16 Stunden Ereignisreichtum ins Bett.

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