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Tag 85 – Die Odyssee Reprise

 

DI, 04. September 2018, 16:33 Ortszeit am Robert L. Stanfield International Airport, Halifax, Nova Scotia, Canada, Nordamerika, Planet Erde, Sonnensystem, Milchstraße, Lokale Gruppe, Virgo-Superhaufen, Beobachtbares Universum …

 

Wir sind in einem nursing room, also einem vom Flughafen bereitgestellten Raum zum geschützten Stillen und Wickeln von Babies. Er ist unter anderem mit einer Wickelstation, einer Spülstation, vier modernen, drehbaren Schaukelstühlen und einer Konsole zur Regulierung von Licht und Temperatur ausgestattet. Er ist auffallend sauber und sogar einigermaßen gemütlich. Hier ist (wieder mal) gut sichtbar, welchen Stellenwert Kinder und deren Bedürfnisse in diesem Land haben. An deutschen Flughäfen werden Zimmer und Kabinen für Nikotinabhängige installiert. Auch solche Kleinigkeiten – neben z.B. der Renaissance prä-nationalsozialistischer Zustände in Schland – verdüstern die Gefühle zur bevorstehenden Heimreise.

 

Jo versucht Baby ToJo in der Trage zum Schlafen zu bringen, nachdem wir gegessen und ich etwa eine Stunde mit ihr den Terminal erkundet habe. Rolltreppen sind das Faszinosum der Stunde. Unser Flug geht um 22:05 aber durch irgendeinen Gehirnfurz ist seit 3 Monaten 17:30 als Abflugzeit in unserem Kalender zu lesen gewesen. Wir haben natürlich entsprechend geplant, was dazu führte, dass wir jetzt schnuckelige 9 Stunden am Flughafen verbringen dürfen. Juchhei. Aber der Reihe nach. Die Chronologie endet ja bisher am Shubie Campground in Dartmouth … was geschah dazwischen? Nun …

 

MI, 29. August 2018 ist der Tag der Rückverschiffung von JoMo. Also … nicht der eigentlichen Abfahrt – lediglich der Abgabe am Containerhafen CERES in Halifax. Unser Plan ist es, die Ohrfeige der Rückreise etwas weniger schmerzhaft werden zu lassen, indem wir uns nach der sentimentalen Ablieferung von JoMo noch einige Tage ruhigen Ausklang gönnen. Die Wahl fällt auf Cape Breton Highlands, den letzten National Park auf unserer Liste und quasi atlantisches Gegenstück zu Pacific Rim. Nach einigen Überlegungen, wie genau diese Auszeit von der Auszeit zu gestalten sei, fällt die Wahl auf eine Airbnb-Ferienwohnung einige Kilometer südlich des Osteingangs des Parks. Ruhe, Komfort, schnelles WIFI und vor allem ein traumhafter Ausblick auf den Atlantik werden versprochen.

 

Doch zuvor nehmen wir schweren Herzens Abschied von unserem eigentlichen Zuhause. JoMo ist frisch gewienert, im Innenraum „neutralisiert“ und alles in allem seefest gemacht – analog zur Hinfahrt. Den obligatorischen Gang zur Spedition erledigen wir diesmal einfach einen Tag zuvor und die letzte Nacht vor der Abgabe verbringen wir in einem mittel-ungeilen Motel in Dartmouth, wo wir zumindest unser restliches Essen eigens verkochen können und es Fruit Loops (wie lange hab ich die nicht mehr gegessen?) zum Frühstück gibt. Die Gasflasche gibt erneut Rätsel auf. Genau wie vor dreieinhalb Monaten – als ich mit aufgedrehter Heizung und Herd über die A24 nach Hamburg gejagt bin, um die letzten Gasbestände zu verbrennen – steht die Gasanzeige seit 24 Stunden auf 0, ohne dass es dem geschätzten Gas einfallen würde, das Strömen einzustellen. Mysteriös und auch beunruhigend. In den Unterlagen von SeaBridge (der Verschiffungs-Agentur unseres Vertrauens) steht was von „strengen kanadischen Kontrollen“ der vollständig zu entleerenden Gasbuddel. Großartig. Also fahren wir ebenfalls mit voll aufgedrehter Heizung und Gasherd (bei immerhin 28° C) durch Halifax um den Mietwagen für die letzten Tage abzuholen.

 

Ein schmales aber buntes Motel-Frühstück.

 

Die ewige Flamme.

 

Auf dem Parkplatz von Ceres wird dann alles umgeladen und erneut kontrolliert, bevor es wieder zum kleinen grünen Grenzhäuschen geht, wo wir mit Warnwesten, Besuchsausweisen und Komplimente für das Baby ausgestattet werden. Im eigentlichen Hafen bottleneckt es zunächst ziemlich, da zeitgleich mit uns eine Gruppe von 4 (gefühlt 12) niederländischen Rentnerinnen eintrifft, die alle ihr eigenes Wohnmobil besitzen respektive abholen wollen und von denen mindestens eine die falschen Papiere dabei hat. Hernach fällt der Kopierer aus, weil die Reinigungskraft ihren Wasserkocher im Büro einfach an irgendeine Steckdose angeschlossen hat, was instantan zum Stromausfall führt, der nicht sofort behoben werden kann, da sich der Sicherungskasten in einem komplett anderen Teil des Gebäudes befindet. Des weiteren taucht ein gewisser Peter Sch%?&@ky einfach nicht wieder auf, obwohl der diensthabende Zollbeamte ihn doch schon vor 30 Minuten zur Inspektion seines abzuholenden Wohnmobils geschickt hatte! Als letzterer dann auch noch keinen einzigen Stift mehr in seinem Schreibtisch zu finden vermag, macht sich kurzzeitig die Sorge breit, die Nerven des braven Mannes könnten es der erwähnten Sicherung gleichtun und er selbst kurzerhand veranlassen, sämtliche Wohnmobile, die sich derzeit auf dem Gelände befinden, doch einfach mal auf ihre Amphibienfahrzeug-Tauglichkeit im Bedford Becken zu testen. Glücklicherweise hat die Kollegin einen Stift, der Kopierer funktioniert wieder, die niederländische Dame findet ihr Dokument und sogar Peter Sch%?&@ky erscheint wieder und moniert in quasi akzentfreiem Englisch: „Ser is ä dämätsch on my Wohnmobil!

 

Held*innen des Hafens.

 

Auch für uns naht der Augenblick der Wahrheit, eine Beamtin nebst Azubi folgt uns zum JoMo. Wird sie etwas beanstanden? Wird sie herausfinden, dass wir (da die Gasflasche offensichtlich durch ein kleines Wurmloch aus einem anderen Universum permanent neues Gas bezieht) einfach die Zwischenhähne zugedreht haben, da hier ohnehin niemand Ahnung von einem Pössl-Ausbau hat? Wird JoMo reisen dürfen … ? 

Der Azubi zieht eine Art Teleskop-Stange hervor und misst umständlich die Höhe des Autos. Anschließend zieht er ein Maßband hervor und misst umständlich die Länge und Breite des Autos. Als die Beamtin zufrieden feststellt, dass sich der Umfang des Campers während der drei Monate Aufenthalt offensichtlich nicht verändert hat, bekommen wir einen Zettel und gute Wünsche für die Rückreise. Das war’s. Sie hat nicht mal ins Auto hinein geschaut. Jemand sollte SeaBridge dringend auf den aktuellen Stand bringen, was die Verfahrensweisen an den kanadischen Häfen betrifft, das würde ambitionierten WoMo-Verschiffenden eine Menge Angstschweiß ersparen.

 

„Ein Meter … äääh … Einsfünfund … äääh, ja … Ich messe Einssechsundzwanzig …“

 

Wir verlassen das Hafengelände durch die turmhohen Container-Schluchten und wenden uns noch mehrmals um zu der immer kleiner werdenden gelben Silhouette dieses tollen Gefährts, das uns 84 Tage lang ein Heim war. Das über 15.000 Kilometer quer durch Kanada hin und wieder zurück gefahren ist – durch Hitze und Kälte, über Berge, durch Wälder und an Küsten entlang. Das außer dem unfreiwilligen Rendezvous mit einem Wasserhahn keine nennenswerten Schäden davon getragen und uns zuverlässig an jedes gewünschte Ziel gebracht hat.

 

„One more cup of coffee for the road. One more cup of coffee ‘fore I go.“

 

Der emotionale Grundton, als wir um die letzte Ecke biegen und das JoMo nun endgültig nicht mehr zu sehen ist, lässt sich am besten mit folgender Szene verdeutlichen:

 

 

Im grünen Grenzhäuschen geben wir Westen und Ausweise bei den beiden ausnehmend freundlichen älteren Herren des Sicherheitspersonals ab. „Have a safe trip home.“ sagt der eine Wachmann und tippt sich an die Schirmmütze: „And be sure to come back!“

 

„We will. We definitely will.“

 

 

Notabene: Dies wird nicht der letzte Blogeintrag sein. Die Erlebnisse von Cape Breton, der Rückflug in allen Einzelheiten sowie die ein oder andere abschließende Reflexion sollen in den nächsten Tagen folgen. Jetzt ist es allerdings 18:07, das Baby ist bereits wieder aufgewacht und verlangt nach Entertainment, bevor wir dann endlich unser Gepäck aufgeben und in die endgültig letzte Phase der Reise einsteigen können.

 

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