Tag 63 - Kleines Resümee

Es gibt kaum eine Situation, die besser zum Nachdenken geeignet ist, als eine Fahrt auf den unendlichen Prärie-Highways von Saskatchewan und Manitoba, die hunderte von Kilometern so schnurgerade geradeaus verlaufen, dass jede Kurve einer vorherigen Ankündigung bedarf. 

Die größte Herausforderung bei der Bewältigung der Strecke von Hinton nach Winnipeg ist, nicht während der Fahrt einzuschlafen, was wiederum die Beschäftigung mit Denken recht zuverlässig verhindert, wie jede*r weiß, die/der schon mal nicht einschlafen konnte. Gelegenheit also, die vergangenen Wochen Revue passieren zu lassen.

In den schönsten Momenten habe ich bereits einige persönliche Highlights festgehalten (Update folgt), nach denen wir mit zunehmender Reisedauer auch immer häufiger gefragt werden. Der Märchenwald am Lake Superior war toll. Das Picknick in Vancouver. Der Campground im Provincial Park Pemberton. Die Fahrt von Horseshoe Bay nach 100 Mile House. Der Ausblick auf den Bow Lake im Banff National Park. 

Rührend war unter anderem aber auch, als das Kind zum ersten Mal den Stöpsel richtig herum in den Abfluss steckte und freudestrahlend wieder herauszog. So gibt es auch zwischenmenschlich viele Dinge, die wir den vergangenen zwei Monaten miteinander erlebt haben, die so oder so ähnlich wahrscheinlich auch Zuhause passiert wären, die jedoch durch das Reisen und auch die Nähe eine besonders große Intensität besaßen. Ich bin sehr dankbar für diese Reise und diese enge Zeit, und ich fühle mich innerlich gestärkt und ruhig. Es ist toll, rückblickend zu betrachten, wie sich unsere Phantasien materialisiert haben. Wie aus teils diffusen Ideen und Vorstellungen Erlebnisse und Erinnerungen geworden sind, die uns noch lange begleiten werden. Was für ein Abenteuer.

 

Was ich mir vor dem Abflug etwas anders vorgestellt hatte, war der Aspekt körperliche Aktivität. Ich musste ziemlich schnell feststellen, dass diese Reise sich nicht mit Sporttreiben verträgt. Ich war einmal Laufen, ca. vier Kilometer. Danach habe ich geschwitzt. Aber es gab keine Dusche. Stattdessen fanden mich die Insekten besonders attraktiv. Ein paar Mal habe ich dann noch dann jeweils 100 Kniebeugen auf einem Parkplatz gemacht. Die musste ich vier- bis achtmal unterbrechen, weil das Kind entweder Müll gefunden hafte oder Steine in den Mund stecken wollte. Und bevor jetzt der Einwand kommt, dass doch Tim das Kind dann nehmen kann: das Zeitfenster zwischen Aufstehen und Losfahren, bevor die Hitze kommt, war bzw. ist in der Regel ziemlich eng und lässt nicht viel Luft für Extras. Schließlich haben wir fast immer ein paar Hundert Kilometer Fahrstrecke vor uns. Auch sonst (abends) waren die Parkplätze wenig für Sport geeignet, denn auch dort: keine Dusche und schon gar kein Schatten. Da uns darüber hinaus eh schon jeder anstarrt, wegen des Autos oder wegen des Babys, reicht es irgendwann auch mit den Blicken, da muss ich nicht mit einem HITT vor einem Walmart Aufmerksamkeit erregen. Das Hiken war natürlich super, und an den Tagen, an denen wir gewandert sind, verlor sich auch das Pudding-Gefühl, das mich nun manchmal überkommt. Das große Plus ist, dass ich jetzt was zum Drauffreuen in Berlin habe, wo es sehr viel leichter sein wird, eine mückenstich- und kindfreie Stunde mit einem Workouts inklusive anschließender Dusche zu verbringen. Yeah!  

 

Hätte mich jemand nach einer Woche on the road gefragt, ob ich diese Reise noch einmal so unternehmen würde, hätte ich vielleicht nein gesagt. Das war ganz schön viel auf einmal: meine Arbeit war nicht beendet, Tim hatte die Tripplanung für die erste Zeit übernommen und ich lief mehr oder minder „blind“ hinterher, das Baby verstand nicht, was los war und wir verstanden nicht, was und wie das Baby am besten durchhält. Vor uns lag eine unfassbar lange Wegstrecke und es war immer zu heiß oder zu kalt. Auf den Campingplätzen lag entweder Schotter oder es wuchsen giftige Pflanzen und ständig drohte dem Kind die Gefahr, ins Auto zu fallen, aus dem Auto heraus, vom Bett herunter oder sonstwie über die eigenen Füße. Würde mich jetzt jemand fragen, ob ich diese Reise noch einmal so unternehmen würde, würde ich ja sagen. Die gewissen Anstrengungen des Anfangs haben sich absolut ausgezahlt. Jetzt fahren wir durchweg entspannt, kommen gut voran, und niemandes Nerven werden überstrapaziert. Das haben wir uns erarbeitet und das möchte ich nicht missen, denn es hat dafür gesorgt, dass dem ersten Durchgewurschtel acht tolle Wochen folgten und nun noch drei weitere tolle Wochen vor uns liegen. Es war so ein erhabenes Gefühl, die Rocky Mountains zu sehen, nachdem wir wochenlang darauf zu gefahren waren. Ganz British Comlubia und Alberta waren eine Belohnung, und wir haben es bis zum letzten Moment ausgeschöpft. Nun fühlt es sich schon an wie ein Rückweg, aber es gibt zum einen die Aussicht auf weitere neue Orte (dank alternativer Route und weiterer Ziele) und zum anderen die Erfahrung des Hinwegs, die so vieles erleichtert. Und sei es nur der Blick in die Karte, die nun schon vertraut ist und bei der sich die wichtigsten Seiten leicht aufschlagen lassen, well sie mit Tesafilm fixiert wurden, nachdem das Baby sie herausgerissen hatte. Wir fahren zurück und können uns auf dem Weg an die Stationen erinnern, die wir gemacht haben. Das fühlt sich schon ganz heimisch an.

 

A prospros Heimat: Es ist auch aufgegangen, wie wir es uns für das Kind vorgestellt hatten. Dass das Jomo das Zuhause ist und jeder Ort, an dem wir Halt machen, zu seinem Spielplatz wird. Genau so ist es jetzt auch, und ein bisschen fürchten wir uns schon vor dem Moment, wenn wir das Auto im Hafen zurücklassen müssen. Aber das Kind stürzt sich stets mit einer solchen Freude in neue Umgebungen, dass wahrscheinlich auch die voraussichtlich etwas wilde Übergangsphase zwischen Jomo-Zuhause und Berlin-Zuhause gut gemeistert wird.

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