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Tag 74 - Zum Thema "Entdecker"

Dieser Text wurde bereits Ende Juni (nach unserer ersten Stippvisite in Banff) verfasst und später ergänzt. Nachdem wir als nächstes einen Nationalpark (Kouchibouguac) auf der Liste haben, für den First Nations kurzerhand enteignet und umgesiedelt wurden, ist er jedoch jetzt ebenso passend wie in Woche vier.

Wer hat's erfunden?
Wer hat's erfunden?

Es ist schwer vorstellbar, wie sich Nachfahren der kanadischen Ureinwohner, die sogenannten First Nations, fühlen müssen, wenn sie an einen Ort wie die Höhlen und Quellen in Banff kommen, wo sich ein paar dahergesegelte Europäer Jahrhunderte später dafür feiern, dieselbigen entdeckt und mit dem Nationalparksystem vor Ausbeutung geschützt zu haben. Ohne mit der Wimper zu zucken wurden und werden da Besitzansprüche behauptet, die bei genauerer Betrachtung einfach lächerlich sind. Ich mein - Wem gehört die Welt? Und wenn Canada unbedingt jemanden gehören muss, dann doch wohl am ehesten denen, die es zuerst besiedelten. Denn obwohl der Name des Landes „Canada“ einer Legende nach von dem Ausruf „Keiner da!“ abgeleitet wurde, war sehr wohl jemand da, als Columbus, Cabot, Cartier und Champlain („the Major C’s“) ihre Stinkemauken erstmals auf den bewaldeten Boden des amerikanischen Kontinents setzten. Und „Canada“ kommt von dem First Nation Wort kanata, was „unser Dorf“ bedeutet. Die beiden Söhne des Chief Donnacona, welche 1536 von Jaques Cartier zu einem unfreiwilligen Schüleraustausch nach Frankreich entführt wurden, sprachen nämlich sehr oft von ihrem Zuhause, was die cleveren Franzosen für den Namen des Landes hielten und dieses von nun an Canada nannten.

 

Es ist wirklich erstaunlich, wie viel diese machtgeilen Männer bei ihrer „Entdeckung“ Nordamerikas nieder getrampelt haben. So gab es beispielsweise einen umfangreichen Friedensvertrag - „The Great Law“ - inklusive demokratischer Verfassung zwischen fünf Ureinwohner-Stämmen (der Iroquois Confederacy oder League of Five Nations), der, mangels Schrift, jahrzehntelang mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Obwohl einige Historiker*innnen etwas anderes behaupten, beruht die amerikanische Verfassung in weiten Teilen auf genau diesem Vertragswerk. (Die kanadische Verfassung wiederum wurde nach dem US-amerikanischen Vorbild gestaltet.) Nur als sie beim Abschreiben bzw. Transkribieren an die Stelle mit dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht kamen, hatten Washington und Co Petersilie im Ohr. Erst 1920, 400 Jahre später, durften Frauen in den USA wieder wählen. Na Danke.

 

Als Deutsche kennen wir uns ja besonders gut aus in Sachen Kollektivschuld und so. Das Bewusstsein für die Problematik ist hier an vielen Stellen jedoch scheinbar weniger ausgeprägt. Totempfähle, Traumfänger und Tipis werden in schönster cutural-approriation-Manier als massengefertigte Andenken produziert und als Touristenattraktionen verscherbelt, während viele Nachkommen der First Nations in ärmlichen Verhältnissen leben und in einer Identitätskrise irgendwo zwischen Traditionen und westlicher Moderne feststecken. Sicher nicht alle, und ich möchte da keineswegs alles über einen Kamm scheren, zumal meine Betrachtung hier absolut laienhaft ist. Aber wir waren an doch vielen Orten und haben mehrfach Housing Initiatives for First Nations, an First Nations gerichtete Anti-Alkoholismus Plakate, von First Nations betriebene Casinos, heruntergekommene First Nations Dörfer und einige zahnlose Bettler gesehen, deren Äußeres auf eine First Nations Verwandtschaft schließen ließ (mit zunehmender Häufigkeit von Osten nach Westen). Die Middle und Upper class kommt in Canada auf jeden Fall anders daher. 

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