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Tag 47 - 53 – Jasper & Banff National Park

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Tag 47 – Von Mount Robson Provincial Park nach Wabasso CG, Jasper National Park

 

 

Tag 48 - 50 (Beginn Woche 8) – Auf dem Icefields Parkway 

 

 

Tag 51 – Von Wabasso nach Wilcox Campground. Oder: Global Warming live.

 

 

Tag 52 – Von Wilcox nach Waterfowl Lakes CG, Banff National Park

 

 

Tag 53 – Icefields Parkway continued.

 


 

* An dieser Stelle ein paar kurze Zeilen zum Gletscher: Das war mein (Tims) persönlich erster Gletscher. Und es war eine durch und durch deprimierende Erfahrung. Während der Anfahrt sieht man schon von Weitem die Ausläufer des Columbia Icefields, das unter anderem den Athabasca Gletscher speist, und meine Wenigkeit hat den Rest der Fahrt mit offenem Munde zugebracht. Dann erklimmt man die Anhöhen der Endmoräne des Gletschers und steht schließlich bis auf etwa 100 Meter vor ihm. Die Stirn des Gletschers sieht aus wie der traurigste Teil eines Schneemanns wenn's getaut und dann noch geregnet hat. Wenn der Boden und das Gras schon durchkommen und es so eklig Winter-warm wird. Was ganz oben am Icefield noch hunderte Meter dickes, leuchtend weißes, Ehrfurcht gebietendes Eis ist, wird hier unten zu einer bröckeligen, braunen, irgendwie potenzlosen Soße des Scheiterns. Der Gletscher hat in den letzten 125 Jahren etwa die Hälfte seiner ursprünglichen Masse verloren und ist bereits um beinahe 2 km zurückgegangen. Das sieht man nicht nur auf den Hinweistafeln, man spürt es geradezu, wenn man in der gigantischen Geröllschlucht steht, die noch vor 50 Jahren ebenfalls meterdick mit Eis gefüllt war. Wenn ich mich umschaue, werde ich vor allem wütend. Wütend auf die Menschen, die sich für viel Geld in klapprigen "Snowcoaches" auf die Reste des Gletschers kutschieren lassen, um auch mal auf ganz dickem Eis zu stehen. Im Minutentakt kann man diese Dinger von Weitem auf den Gletscher rauf schlurfen, Leute ausspucken, mit laufendem Motor 20 Minuten warten, die Leute wieder einsaugen und vom Gletscher runter schlurfen sehen. Wütend auf die Eltern, die ihren Kindern zwar die Informationen auf den Tafeln laut vorlesen, diese aber in keinerlei Kontext bringen. Da ist zwar zu erfahren, dass der Gletscher in etwa 100 Jahren vermutlich nicht mehr existieren wird, dafür werde an seiner statt aber ein hübscher neuer See entstehen! Da leuchten die Kinderaugen und kaum ein Wort wird darüber verloren, warum genau der Gletscher nicht mehr da sein wird und was da eventuell das insgesamt größere Problem sein könnte. Aber am schlimmsten sind die Horden von Tourist*innen-Pärchen, die komplett ausgestattet mit ihrer Alpin-Extrem-Ausrüstung im Wert eines Kleinwagens die 400 Meter vom Parkplatz bis zum Gletscher meistern, um dann fett grinsend und mit wahlweise Thumbsup oder Victory-Zeichen vor diesem traurigen Beweis menschlicher Selbstzerstörung Instagram-mächtig zu posieren. "That's what I'm talking about!" sagt der Natur-Freund zur Natur-Freundin und nimmt einen tiefen Schluck aus dem Wasserschlauch, der ihm Wasser aus seinem Wasserbeutel im Rucksack liefert. "We just need to be outside as much as possible!" erklärt die Natur-Freundin beipflichtend der älteren Dame, welche die beiden gerade in Beauty-Couple-Nature-Pose auf's iPhone gebannt hat. Wir haben einige Zeit dort verbracht, weil Baby ToJo großen Spaß am Spielen auf einem umgestürzten Warnschild vor gefährlichen Spalten im Eis hatte. Deshalb haben wir einiges an Gesprächen, Kommentaren und Bemerkungen des unendlich wallenden Tourist-Stromes aufgeschnappt. Der Grad an Ignoranz gegenüber dem, was wir da eigentlich vor uns hatten, betrug mindestens 98 %. Das höchste der Gefühle war eine recht üppige Frau in Flip Flops, schwarzer Leggins, Sweater mit irgendeinem Strass-Spruch drauf, Gucci-Sonnenbrille und pinkem Basecap, die den Selfie-Stick kurz runternahm, während sie (gefühlt sehr lange) auf eine der Hinweistafeln starrte, schließlich auf den Gletscher blickte, wieder auf die Tafel starrte und sich ohne aufzusehen in Richtung ihres Begleiters zu einem "That's sad." hinreißen ließ. Dann zum Gletscher. Selfie. Klick. Zurück in den Chevrolet. Man möchte Donald Trump, Beatrizze von Stockbrot und all ihre Geschwister im (sehr schwach ausgeprägten) Geiste an den Haaren herbei zerren, sie mit dem Gesicht mehrmals herzhaft in die trübe Mischung aus dreckigem Schnee und Schutt schlagen und ihnen dabei sanft ins Ohr brüllen: "Begreift ihr es jetzt?!". 

Als wir selbst zu dritt vor dem Gletscher posieren – mit demonstrativ herunter gezogenen Mundwinkeln und Thumbsdown – bekommen wir zumindest einige irritierte Blicke.

 

** Und für die Martin Princes und Adalberts unter Euch: Mir ist durchaus helle, dass auch wir einige 1.000 km weit geflogen sind um hier zu sein, was vermutlich direkt einen weiteren cm des Athhabasca Gletschers kosten wird. Aber für mich zumindest war es denkwürdig, dieses unwiederbringlich zerstörte Stück Naturgewalt leibhaftig gesehen zu haben. Und Bewusstsein kann ja durchaus ein erster Schritt zum Handeln sein.

 

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