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Tag 23 - 26 – Die Westküste!

Am Donnerstag den 28. Juni 2018 kommen wir nach 23 Tagen Road-Trip, 6.423 zurückgelegten Kilometern, etwa 100 Stunden reiner Fahrtzeit und 10 Übernachtungen auf Walmart-Parkplätzen in Vancouver, British Columbia, Kanada, an. Auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt noch mehr als zwei Drittel unseres Aufenthaltes vor uns haben, so fühlt sich der Moment, als wir in die Stadt einfahren, doch wie das Erreichen unseres größten Zieles an. Wir haben mit eigenem Camper und Baby das zweitgrößte Land der Welt und gleichzeitig einen ganzen Kontinent durchquert.

 

"Nur noch diese Brücke …"

 

Es gibt sicherlich wildere Strecken, abenteuerlichere Orte, größere Distanzen und gewaltigere Hürden als wir sie auf unserer Reise erlebt haben, aber ein kitzelndes Lachen, das sich tief aus dem Bauch heraus seinen Weg nach draußen bahnt, und eine gewisse Feuchtigkeit im Augenwinkel machen sich bemerkbar, als wir an einem Ort namens Spanish Banks das JoMo verlassen und sich vor uns die sanfte Brandung des Pazifiks langsam Gehör verschafft. Auch Baby ToJo scheint irgendwie zu spüren, dass das für uns gerade ein besonderer Moment ist – aufgeregt flitzt sie auf der Wiese neben dem Parkplatz herum.

 

„Dat soll jetzt dieser tolle Pazifik sein, von dem der Alte immer faselt …?“

 

Nachdem wir selbstverständlich ‘zig obligatorische Selfies machen und mal wieder hart gegen geltendes Recht verstoßen, indem wir unser Jubiläumsbier frank und frei in der schockierten Öffentlichkeit genießen, geht es an eine erste kleine Wanderung am Pazifik (oder zumindest einem Arm desselben) entlang. Dabei gibt es unter anderem den ersten Weißkopf-Seeadler zu bestaunen, der sich allerdings keineswegs überreden lässt, auch nur ein bisschen näher zu treten, um ein wenigstens halbwegs adäquates Foto von ihm machen zu können.

 


Da isser.

 

Da.

 


Nach gebührender Würdigung unserer Errungenschaft und Auslauf für das Baby werfen wir uns lustvoll in den Großstadtverkehr von Downtown-Vancouver, um zu unserer ersten erwählten Schlafstätte zu gelangen. Eine von Freunden empfohlene App namens iOverlander ist dabei als Neuzugang in der Gruppe „Apps, die Mittel-kargen Kleinfamilien helfen sollen, irgendwo einen kostengünstigen (vulgo: kostenfreien) Stellplatz zu finden“ äußerst hilfreich. Impressionen der kanadischen Westküstenmetropole soll anstelle von langen Beschreibungen dieses Mal die folgende Bilderserie geben.

 

Uptown

 

Downtown

 

Chinatown

 

Hipstertown

 

Was teilweise aus Gründen der Pietät, teilweise aus Gründen simpler Furcht nicht auf Bildern festgehalten wird, ist die auffällig hohe Anzahl an Rauschgift-induzierten Zombies in der Stadt. Fürderhin werde ich jeden Berliner Innensenator, der mir was von No-Go-Areas, Drogensumpf, Parallelgesellschaften und rechtsfreien Räumen erzählen möchte, beherzt und mit ausgestrecktem Zeigerfinger ins Gesicht lachen. Zugegeben, ich war noch nie in Mexiko, Capetown, Marseille oder den Vororten von New York City – und außer fröhlich winkenden Fixern in Hauseingängen hinterm Hauptbahnhof in Kopenhagen ist mir eine größere Ballung an Junkies der härteren Sorte bisher nicht begegnet. Aber in 4 Tagen Vancouver habe ich mehr verstörende Schicksale gesehen als in 24 Jahren Kuschel-Berlin (die eskapistischen Hirntoten auf freiwilliger Basis in den einschlägigen Clubs mitgezählt): Ein Mann, auf allen Vieren und in Zeitlupe immer wieder mit dem Kopf gegen den Glaseingang eines Liquor-Stores schlagend wie ein hospitalistischer Elefant. Eine Frau, über einer Mülltonne hängend mit dem Mund Dinge daraus hervorziehend, diese dann schüttelnd wie ein Raubtier seine Beute. Ein Mann, tränenüberströmt, sichtbar unterernährt und nur in eine Decke gehüllt unter einer Brücke stehend und zwischen den Schluchzern immer wieder „God bless! God bless!“ in die Nacht schreiend. Eine Frau, mitten auf der Straßenkreuzung auf dem Boden liegend, die angewinkelten Beine weit gespreizt, unter dem schwarzen, hochgerutschten Kleid nichts mehr tragend, und mit geschlossenen Augen immer wieder an ihrer Zigarette ziehend. Die unzähligen dürren, gelben Finger, die auf unser Kind zeigen, während zahnlose Münder „Awwww! Congratulations!“ rufen.

 

Ich möchte eigentlich keine Angst haben und ich möchte auch nicht die Straßenseite wechseln wollen. Ich möchte gerne immer aufrichtig „Thank you very much!“ sagen. Aber es ist schwierig. Außerdem scheint die Polizeipräsenz in keinerlei Verhältnis zu der vorhandenen Problematik zu stehen. Die einzige Polizeiaktion, die wir in den 4 Tagen beobachten, ist das vorschriftsmäßige Ausleeren einer Bierdose, die augenscheinlich in der Öffentlichkeit getrunken und daraufhin beschlagnahmt wurde. Erstaunlicherweise bleiben die Cops absolut gelassen, als der ehemalige Bier-Besitzer ihnen wiederholt ein gelalltes „Hope you’re happy now, motherfuckers!“ entgegen brüllt. Wenig später sehen wir beim Blick in eine Seitenstraße kurioserweise genau dieselbe Polizeistreife noch einmal wieder. Es ist nur ein kurzer Augenblick aber er scheint direkt aus den feuchten Träumen eines Michael Mann zu stammen: Die schmale Gasse ist düster und voll riesiger Mülltonnen, Flüssigkeiten rinnen auf dem Boden entlang, aus den Gulli-Deckeln dampft es, die Feuerleitern an den Backsteinwänden werfen zwielichtige Schatten auf das Polizeiauto, das still aber mit rotierendem Blaulicht quer zwischen den Wänden parkt. Ein Polizist leuchtet mit seiner Taschenlampe in den Hintereingang eines Hauses, während mehrere Personen, die meisten davon in Decken gehüllt und mit dicken Mützen auf den Köpfen, sie wankend umringen. Ein unglaublich einprägsames Bild. Wie gemalt. Nordamerikanische Großstadt.

 

Das sind Momente, die wir aus dem Auto oder beim Vorüberlaufen erleben, und die Gespräche über den Umgang mit Drogenproblematik und daraus resultierendem Elend bzw. der Prägung eines Stadtbilds evozieren. Wir beschließen jedenfalls, uns für abendliche Unternehmungen vorsorglich mit der Infrastruktur des ÖPNV in Vancouver zu beschäftigen. Zunächst stellen wir das Auto am vergleichsweise ruhigen McLean Park in einer eher gediegenen Wohngegend ab, nehmen im sehr sympathischen Wilder Snail Café Getränke und Internet zu uns und laufen zurück Richtung Downtown für das Abendessen zur Feier des Tages: Vegane Burger mit Fries im MeeT in Gastown. Stilecht warten wir 45 Minuten bis ein Tisch zwischen den Horden von Hipstern frei wird – dann aber wird getafelt und jede*r hat mehr als genug.

 

Wir bestellen für das Baby gedünsteten Brokkoli und glauben dann ernsthaft, unsere Fresh Cut Fries alleine essen zu können. Dumm von uns.

 

Am nächsten Vormittag steht ein Abstecher nach Granville Island auf dem Programm. Dort soll es nicht nur einen veritablen indoor Public Market sondern auch das Kinder- und Babyparadies „The Adventure Zone“ sowie die Möglichkeit zu einer Hafenrundfahrt per Aquabus geben.

 

Granville Island ist einer kleiner, aufgeschütteter Flecken Land in der False Creek, der ursprünglich den First Nations als Fischerplatz diente, dann (wie kann es anders sein) vom Weißen Männchen zu einem unansehnlichen Industrie-Komplex befördert wurde, der mit dem ausgehenden letzten Jahrhundert überflüssig geworden ist, was findige Stadtplaner*innen wiederum dazu inspirierte, die großen Beton-Silos mit Künst* bemalen und neben der Markthalle Kleinkunstbühnen, Galerien, Ateliers, Boutiquen, Restaurants, Souvenir-Shops und Whale-Watching-Guides sich etablieren zu lassen. Es ist also eine komplett dem Tourismus ergebener Reiseführer-Attraktion, die es leider – trotz offensichtlichen Bemühens – nicht wirklich schafft den Charme eines europäischen Szene-Bezirks mit maritimem Ambiente auszustrahlen.

 

Beispielsweise würde es der ganzen Unternehmung sehr helfen, Granville Island einfach komplett autofrei zu halten. Dadurch wäre viel an Atmosphäre, Entzerrung, Platz und Stressbefreiung gewonnen, denn so folgt man einer kaum vorhandenen Ausschilderung unter der Highway-Brücke, um überhaupt auf die Insel zu gelangen, wo man sich dann zwischen all den anderen Wohnmobilen und Miet-Schlitten im schneckigsten Gang durch die Gässchen und von Zebrastreifen zu Zebrastreifen zwängt, um letztendlich für teures Geld einen der viel zu wenigen vorhandenen Parkplätze zu ergattern. Doch ist dies leider ein weiteres Beispiel dafür, wie der Weiße Kanadier seinem Vorbild dem Weißen Amerikaner in nichts nachsteht, wenn’s darum geht, der Behäbigkeit entgegenzukommen. Convenience is king. Wenn ich nich’ mit dem Auto hinkomme, dann isses auch nix. Aber was monier’ ich – wir sind ja ebenso behäbig unterwegs.

 

Nachdem wir also für teures Geld parken, gönnen wir uns zum Frühstück zwei belegte Bagels in der zugegebenermaßen ziemlich coolen Markthalle – wobei „gönnen“ in diesem Fall bedeutet, dass ein Bagel so viel kostet wie einmal 12 Stunden Parken.

 

Granville Island Public Market

 

„Wolle Kirsche kaufe?“

 

Anschließend unternehmen wir besagte Rundfahrt mit einem der Aquabusse – ziemlich putzigen kleinen Bootjes, die während der Hochsaison augenscheinlich ausschließlich von Teenagern im Sommerjob-Modus betrieben werden – und erhalten einen recht beschaulichen Überblick über die False Creek.

 

Ein Akne-gesteuertes Wassertaxi.

 

Granville Island, seeseitig betrachtet, mit Künst.

 

The Adventure Zone“ erweist sich dann wieder als regelrechte Salve in den Ofen, denn was man hier wirklich lernen muss ist, dass wenn etwas als „for kids“ beschrieben wird, damit gemeint ist, dass es dort vor allem Möglichkeiten für die Eltern gibt, haufenweise Kram und Schrott für ihren Nachwuchs käuflich zu erwerben. So bestehen die beiden Stockwerke des „Kids Market“ hauptsächlich aus Plastik-Spielzeug-Blink-Fiep-Daddel-Mörp-Kack-Wucher-Läden mit rosa und himmelblau, bis es einem zu den Ohren wieder rauskommt, und dazwischen gibt es eine Art Tobe-Turm mit Video-Installation zum Selber-Hüpfen sowie eine riesige Arcade-Zone, welche selbstredend von unzähligen Süßigkeitenständen jeglicher couleur flankiert wird. Die im Internet angegebene „Toddler-Zone“ (auf die wir gehofft haben) besteht aus einem weiteren lustlos in eine dunkle Ecke geflanschten Mini-Kletter-Türmchen, wo wir Baby ToJo nicht mal für 2 Minuten spielen lassen möchten. Kinder unter einem bestimmten Alter scheinen für diese Art Industrie solange nicht zu existieren, wie sie noch nicht fähig sind, selbstständig eine Münze in eine Maschine werfen um sich irgendeinem verordneten Frohsinn hingeben zu können, während sie fingerzeigend nach der nächsten bunten Süßigkeit brüllen. Wir verweilen in diesem Pimpf-Purgatorium nur so lange, wie Jo für den Toilettengang benötigt.

 

#nofilter (ok, a little filter, but you get the idea)

 

Damit das Baby wenigstens noch ein bisschen Bewegung bekommt fahren wir zu unserem heutigen Schlafplatz, dem ebenfalls bei iOverlander sehr empfohlenen Queen Elizabeth Park. Dort flanieren wir etwas und finden zufällig einen ziemlich tollen Ausblick über die Stadt. Da sich das ebenfalls hier ansässige Bloedel Conservatory nur als ein überteuertes Gewächshaus entpuppt (und nicht – wie der Autor inständig gehofft hat – als „Blödel Konservatorium“, eine Ausbildungsstätte für sinnfreien und abseitigen Humor), geht es denn auch bald an die Abendruhe.

 

"Dann gehört mir das alles?"

"Alles, was das Licht berührt."

 

Falsche Hoffnungen …

 

Tag 3 in Vancouver beginnt mit der Suche nach einer Starbucks-Filiale vor der man anständig parken kann, damit wir schön Internet schnorren und unsere nächsten Schritte planen können (innerstädtisch gar nicht so einfach wie in den kleinen Käffern auf dem Weg, wo wir uns meistens nur auf der Grünen Wiese** bewegt haben und dort jedes Geschäft Teil einer einzigen riesigen parking lot ist). Nun da wir an der Westküste angekommen sind, soll es an die verschiedenen Nationalparks und andere besuchswerte Orte gehen und da rechtzeitige Reservierungen für die Campingplätze in ebendiesen Parks allerorts dringend empfohlen werden, sind wir eigentlich schon ein bisschen spät dran.

 

Dennoch haben wir etwas Glück und basteln uns ein grobes Programm für die kommenden Wochen: Zunächst soll es per Fähre nach Vancouver Island gehen um auf jeden Fall den Pacific Rim National Park mit seinen Stränden und ursprünglichen borealen Regenwäldern (vulgo: Old Growth Forest) zu besuchen. Dort gelingt uns eine Reservierung für drei aufeinanderfolgende Nächte – allerdings mit täglichem Stellplatzwechsel. Geschenkt. Weiterhin braucht Jo im Abstand von 1,5 Wochen ein paar Arbeitstage um unsere Reisekasse etwas aufzubessern, woraus die nächste Reservierung im Jasper National Park (back to the Rockies!) zwei Wochen später resultiert. Da die Campingplätze in Banff National Park (zumindest die, die wir erreichen können) laut Beschreibung allesamt eher nach riesigen Party-Batterien klingen, und in Kootenay National Park bereits alles dicht zu sein scheint, beschließen wir, unser Glück auf einem der first-come-first-serve-Plätze zu versuchen. Unter der Woche schön preussisch früh aufgestanden und das Handtuch auf den Stellplatz gelegt – das sollte der ansonsten eher gemächlich anmutenden Tourist*innen-Truppe ein Schnippchen schlagen. Zack, feddich: Plan!

 

Mit dem guten Gefühl einer Kursrichtung im Kopf erfrischen wir auch die Körper einmal mehr in einer städtischen Badeeinrichtung und die Wahl fällt auf das Killarney Leisure Centre. Klein, familiär, mit Stromschnelle! Tagesabschließend lümmeln wir noch ein wenig im JoMo auf dem Parkplatz oben im Queen Elizabeth Park, und dass das Baby hinten auf dem Bett nahe des Heckfensters spielt, führt zu einigen absurden Situationen, wie der asiatischen Mama, die so fix ein Selfie mit Baby ToJo durch’s Fenster macht, dass ich gar nicht zum Reagieren komme, oder dem anscheinend etwas neben sich stehenden Radfahrer, der meint, jemand hätte das Kleinkind alleine im Van eingeschlossen zurückgelassen: „That’s a terrible thing that your parents did!“ Aber er klopft auch nicht und holt scheinbar auch nicht die Polizei. So viel zum Thema Zivilcourage.

 

Nachts ist es dann leerer.

 

Sonntag, 01. Juli – es ist CANADA DAY! Ähnlich der Vorweihnachtszeit, wenn die ersten Rentier-Geweihe und -Nasen auf den Autos auftauchen, oder anlässlich einer Fussball-WM (der Männer, versteht sich … ein Prosit dem institutionalisierten Chauvinismus!), wenn zaghaft die ersten Fläggelchen an den Fensterchen tüddeln oder man selbstbewusst die Deutschland-Tasse mit ins Büro nimmt – so etabliert sich Rot mehr und mehr als Farbe im kanadischen Stadtbild, Merchandise wird flächendeckend feilgeboten, die Menschen tragen T-Shirts, Sweater und Basecaps mit dem Namen ihres Landes darauf. Jo (Sternzeichen Fuchs) hat für das große abendliche Feuerwerk – deswegen wir überhaupt 4 Tage in der Stadt verbringen – Tickets für die familienfreundliche Viewing-Zone am Canada Place, dem großen Konferenz-Center und Kreuzfahrt-Anlege-Terminal von Vancouver, besorgt. Aber bis es soweit ist statten wir dem hiesigen Aquarium noch einen Besuch ab.

 

Das Vancouver Aquarium ist alles in allem aufwändig aufgemacht, von übersichtlicher Größe, unverhältnismäßig teuer und nimmt vor allem seinen Bildungsauftrag ziemlich ernst. Die Verschmutzung der Ozeane durch Plastikmüll ist das prominente Thema, was ja an sich erst mal durchaus vorbildlich ist. Dann allerdings in der Cafeteria doch die individuell eingeschweißten Strohhalme anzubieten macht den Vorgang auch wieder irgendwie wohlfeil. Da können sie dann noch so fett und stolz darauf hinweisen, dass zumindest Geschirr und Besteck aber doch bitte komplett kompostierbar sind! Was soll der Quatsch? Wäre es so kompliziert, wenigstens an diesem einen Ort im Land, der sich ansonsten den edukativen Zugriff (vulgo: „Rettet die Wale!“) in Leuchtbuchstaben auf die Fahnen geschrieben hat – wenigstens hier in dieser einen blöden kleinen Cafeteria auf diesen ganzen Müll komplett zu verzichten? Um ein Zeichen zu setzen? Keine eingeschweißten Muffins bzw. keine Einweg-Plastik-Handschuhe um das Essen anzufassen, damit man nicht verklagt wird, wenn Mr. Touris T. Complainington nach Genuss des Grilled-Cheese-Sandwiches zufällig einen Schnupfen bekommt. Diesen ganzen Blödsinn einfach weglassen! Aber ich schweife ab.

 

Der schönste Platz im Aquarium ist ein Spielort für Kinder, der (vermutlich im Zuge der „Findet Nemo“-isierung alles Maritimen innerhalb der westlichen Welt) auf den Namen „Clownfish Cove“ getauft wurde. Dabei handelt es sich um eine spielerische Tier-Rettungs-und-Versorgungs-Station, wo man das meeresbewohnende Kuscheltier der Wahl aus dem (fiktiven) Wasser hieven, auf einem Labortisch untersuchen, wirklich und wahrhaftig röntgen (!), ihm zu Fressen geben oder ihm Ruhe gönnen kann, bevor man es vom Kutter wieder in das (fiktive) Wasser zurück befördert. Schöne Idee. Und Baby ToJo ist im siebenten Himmel. Zielstrebig schnappt sie sich einen Plüsch-Otter und trägt ihn fest an sich gedrückt durch die Gegend, während sie von einer Station zur anderen trabt, hier klopfend, da tatschend, hüben streichelnd, drüben probierend. Toll! Wir bleiben eine ganze Weile dort, bevor wir nach einer ganz manierlichen Seelöwen-Show und der Kunst-Installation zum Thema „In Sachen Meeresverschmutzung sitzen wir alle im selben Boot!“ zum Picknick fahren.

 

Nur ein Viertel-Panorama

 

Insider-Tip für den Besuch von Stanley Park, Vancouver, BC, Kanada: Unbedingt Brockton Point Lighthouse anfahren! Das ist einer der eingetragenen Rast- und Aussichtsplätze innerhalb des riesigen Parks direkt an einem kleinen Leuchtturm und die Aussicht ist wirklich phantastisch. Man hat einen Panoramablick über den Inner Harbour des Burrard Inlet – Vancouvers ureigenem Fjord – rechterhand die Lions Gate Bridge, geradeaus im Hintergund die North Shore Mountains, linkerhand die Skyline und der Hafen mit den Docks, den Kränen, Canada Place und den Kreuzfahrtmonstern. Absolut empfehlenswert! Dort breiten wir unsere Decke aus und wollen gerade herzhaft in die Peanutbutter-Jelly-Bagels beißen als plötzlich … indisch anmutende Klänge über die Bucht scheppern und drei röhrende Motorräder auf den Parkplatz einbiegen. Darauf drei ältere Herren in seidenen Hemden mit wallenden Bärten, Sonnenbrillen, Dastar*** auf dem Kopf und – Club-Kutten! Sie sind es wirklich – die Legendary Sikh Riders! Definitiv die coolste Motorrad-Gang, die wir bisher auf unserer Reise gesehen haben. Sofort beherrschen sie das Areal, lassen Menschen auf Fotos mit ihnen posieren, helfen anderen beim Einparken in den schmalen Parklücken, regeln den Verkehr, wenn größere Gruppen die Straße überqueren möchten, machen selbst einen ganzen Haufen Selfies, und verschwinden so plötzlich wie sie aufgetaucht sind unter lauten Sitar-Klängen aus den Motorrad-Lautsprechern. Die Legendary Sikh Riders – der sympathischste Motorrad-Club der Welt.

 

They arrive.

 

They rule.

 

Nachdem JoMo erneut am Queen Elizabeth Park abgestellt ist, geht es per Sky Train (die offensichtlich ironisch gemeinte Betitelung der U-Bahn in Vancouver) zum Canada Place, wo die Feierlichkeiten zum Canada Day bereits seit einigen Stunden vorbei sind. Es bleibt ein wenig diffus, warum Bühne und Entertainment-Programm derart frühzeitig abgebaut werden, so dass bis zum Feuerwerk um 22:30 eine quasi „leere“ Zeitspanne bleibt, die man sich lediglich in einer der zahlreichen Schlangen vor den Food Trucks vertreiben kann. Da wollen wir als anständige Tourist*innen natürlich nicht hintanstehen, lassen uns noch schnell je ein rotes Maple Leaf auf die Wange stempeln und reihen uns zunächst für frisch gebackene Maiskolben und dann für das inoffizielle National-Gericht „Poutine“ ein. Die Maiskolben sind für den stolzen Preis recht schnell verputzt, machen aber Lust auf mehr (Maiskolben) und das Poutine bleibt leider die Strecke Halifax-Vancouver hinter den Erwartungen zurück. Fragt sich natürlich, was man bei in Gravy eingeweichten Pommes mit geschmolzenem Käse darauf eigentlich falsch machen kann (sofern man sowas mag), aber irgendwie kickt es leider nicht so richtig. Dafür haben wir’s halt am Canada Day so richtig kanadisch zugehen lassen.

 

Anschließend beteten wir die „family friendly Viewing Zone“ in Canada Place, werden mit ordentlich National-Devotionalien (Wimpeln, Stickern, Pins/Ohrsteckern) ausgestattet und dümpeln ob des regnerischen Wetters noch eine Weile im Innenbereich auf den Gängen herum, wo es mit fortschreitender Zeit mehr und mehr aussieht wie auf einem wegen eines tobenden Blizzards abgeriegelten Flughafen: Menschen sitzen einzeln oder in Grüppchen auf dem Boden auf Decken oder in selbige gehüllt, spielen Karten, füttern Babies, essen Fast Food, halten ein Nickerchen, warten. Tatsächlich ist es wohl so, dass seit diesem Jahr die ansonsten traditionelle große Parade anlässlich des Canada Days aus Kostengründen abgeschafft ist – und irgendwie hat man nun das Gefühl, es fehlt irgendetwas and diesem Tag. Als hätte der Praktikant im Organisationsteam des Spektakels das A4-Blatt mit dem Programm für den Zeitraum zwischen 18:00 und 22:30 im Zuge der Planung einfach im Kopierer vergessen und niemandem wäre es aufgefallen.

 

Doch auch diese Warteperiode kriegen wir irgendwie rum und nach 2 Fehlstarts/Übungsknallern/Blindgängern/Amuse-bouche-Böllern gibt es dann ein hübsches, nicht zu kurzes und gut zu betrachtendes Feuerwerk auf dem Wasser des Inner Harbour. Wenn jetzt noch jemand den Event-Manager*innen für’s kommende Jahr ins Ohr flüstert, dass man von den zwei Möglichkeiten der auditiven Begleitung eines Feuerwerks (1. andächtige Stille; 2. Soundtrack von „Pirates of the Caribbean“) in keinem Fall die dritte wählt (einfach das Radio laut aufdrehen), dann ist für den Canada Day 2019 im Prinzip alles geritzt.

 

Das Feuerwerk ist in Wirklichkeit viel schicker.

 

Das eigentliche Highlight des Abends ist allerdings nicht die jubilante Pyrotechnik sondern die Organisation der städtischen Verkehrsbetriebe für die Herkules-Aufgabe des Schleusens von geschätzten 10.000 Menschen aus Downtown Vancouver heraus. Von den Viewing Points rund um Canada Place führt nämlich nur eine einzige zweispurige Straße durch die engen Wolkenkratzer-Schluchten unter einer Brücke hindurch in Richtung Bahnstation, von wo die Menschenmassen dann mittels der drei Bahnlinien hinaus in die Metro-Area schwärmen. Vancouvers öffentlich-rechtliches Verkehrsunternehmen TransLink ist geradezu herausragend vorbildlich auf dieses Procedere vorbereitet. Schon direkt an den Ausgängen der Viewing-Areas werden wir freundlich in drei Korridore eingeteilt, welche jeweils zu den drei verschiedenen Bahngleisen führen. Alle paar Meter steht ein*e Mitarbeiter*in von TransLink und erinnert daran, in welchem Korridor für welche Bahnlinie man sich gerade befindet; zusätzlich halten weitere Mitarbeiter*innen Schilder mit den Namen der Linien hoch und an besagter Brücke sind große Tafeln mit Pfeilen angebracht. Im Bahnhof achtet dann unmittelbar vor den Treppenabgängen und noch einmal vor den Drehkreuzen jemand darauf, dass nicht zu viele Menschen auf einmal auf die Bahnsteige strömen, so dass dort kein gefährliches Gedränge entsteht und die Züge nicht überfüllt sind.

 

Und wo ist jetzt Walter?

 

All das funktioniert in der Tat sahnemäßig; es geht gemächlich aber stetig voran, es ist ausnehmend friedlich und man fühlt sich trotzt der Enge innerhalb der großen Menschenmenge sehr sicher. Alle Mitarbeiter*innen sowie die ebenfalls helfenden Polizist*innen sind bei all dem stets freundlich, ruhig, bedanken sich für die Geduld, wünschen hier und da noch einen schönen Canada Day. Zugegeben, dass bei der ganzen Veranstaltung im Vorfeld (wie ja andauernd in der Öffentlichkeit) ein striktes Alkoholverbot herrschte, hat bestimmt seinen Teil dazu beigetragen. Sag mal einem besoffenen deutschen Vollhorst Ende Dreißig mit Hirnpiercing, dass er sich bitte zu seiner eigenen Sicherheit in einen bestimmten Korridor einreihen soll. Aber wenn ich mir dieselbe Situation unter der Oberaufsicht beispielsweise der Deutschen Bahn mit Unterstützung durch die für ihren sanften Zugriff bekannte Berliner Polizei vorstelle, dreht sich mir der Magen schneller um als nach zweieinhalb Pfund kalten Poutines.

 

Und so endet unser Besuch in Vancouver, dieser seltsamen und in jedem Fall besuchswerten Stadt, und damit endet auch für den Moment der schriftliche Teil dieses Blogs. Warum? Das wird in einem nächsten Blogeintrag erläutert, da dieser hier bereits viel zu lang ist.

 


 

* Künst, die – im Volksmund auch: Kunstkacke ; speziell auf innerstädtische Skulpturen bezogen auch: abgestellter und nicht wieder abgeholter Stahl

 

Ein augenscheinlich künstlerisches Erzeugnis in beliebiger Form (Malerei, Skulptur, Raum-Installation, Klang-Installation, Theatermittel, Textilarbeit, Bernstein-Schmuck, handgeblasenes Geschirr, selbstbefurzte Bastmatten, etc.), welches in keiner Weise über sich selbst hinaus weist und entweder

  1. sogar zu dekorativen Zwecken zu hässlich ist
  2. ausschließlich in einem kommerziell-advertierenden Zusammenhang existiert im Sinne von „uns fehlt hier noch irgendwas mit Kunst
  3. die natürlich hochkomplexe Aussage die/der Künstler*in in einer komplett unverständlichen Ästhetik der Beliebigkeit apotheisiert

oder alles zugleich.

 

 

** Grüne Wiese, die

  1. ein ziemlich widerlicher Cocktail aus Blue Curaçao und Orangensaft, dessen einzige Stunde im Leben eines Menschen während der mittleren bis späten Teenager-Phase schlägt, wenn in indischen Restaurants der Sorte „Alle Cocktails 3 €!!!“ halt solche Cocktails getrunken werden, weil man schon so wahnsinnig erwachsen und crazy drauf ist.
  2. im Jargon der Stadtplanung eine Planung und Bebauung auf Flächen, die zuvor nicht zum Siedlungsbereich der Stadt oder der Gemeinde gehörten. Auf der grünen Wiese wird als Redewendung auch fachübergreifend verwendet, um eine gedachte Situation zu bezeichnen, in der ein Konzept in Reinform umgesetzt werden könne, ohne dass Rücksicht auf gewachsene, meist organisatorische, Bedingungen genommen werden müsse. Im vorliegenden nordamerikanischen Fall ist das umgesetzte Konzept meist die riesige Mall bzw. Ansammlung von Geschäften und Fast-Food-Ketten um einen gigantischen Parkplatz – der eigentlichen Stadt meist vorgelagert.

 

*** Dastar, der

Der von Angehörigen der Religionsgemeinschaft der Sikh getragene Turban. In Kanada gibt es etwa 500.000 Sikhs – in Metro Vancouver sind sie die zweitgrößte Religionsgruppe. British Columbia ist eine von drei kanadischen Provinzen, welche die Sikh qua rechtlicher Ausnahme von der Pflicht zum Tragen eines Motorradhelmes freistellt. Gerade ist im April dieses Jahres Alberta (neben Manitoba und eben B.C.) neu hinzugekommen. Während Kanada also in Sachen individueller und Religionsfreiheit wieder mal einen progressiven Schritt macht (im Oktober wird übrigens landesweit der Genuss von Marihuana legalisert), laufen in good old Schland Prozesse über ähnliche Themen ins Leere, wobei sie nebenbei noch rassistische und fremdenfeindliche Ausfälle im Internet nach sich ziehen. Aber Deutschland hat laut des Demokratie-Index des Economist ja auch nur die politische Kukltur einer unvollständigen Demokratie.

 

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