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Tag 21 + 22 – From Summit to Sea

Am anderen Morgen erkunden wir nach dem Frühstück noch kurz die Umgebung und finden sowohl die Antwort auf die Frage, was mit alten Bussen passiert, die nach einem erfüllten Leben der Personenbeförderung dem ansteigenden Trend einer Waldbestattung folgen, als auch einen grandiosen Ausblick auf ein ausladendes Flussbett mit nebeligen Gebirgsläufen im Hintergrund, welcher das folgende – sich lässig an Caspar David Friedrich anbiedernde – Motiv inspiriert.

 

„Lasst mich zurück, Jungs …“

 

Die Wandernden

 

Wir nehmen die Fahrt wieder auf und folgen der nach wie vor Spucke stehlenden Route durch die National Parks über die Pässe der Rocky Mountains in Richtung Westen. In British Columbia durchquert man dem Trans-Canada-1 folgend noch drei: Parks Yoho, Glacier und Mount Revelstoke, wo wir jeweils bereits die Augen nach potentiellen Campingmöglichkeiten für unsere Rückkehr in wenigen Wochen offenhalten. Leider scheinen diverse Campgrounds aus verschiedenen Gründen aktuell geschlossen zu sein. So gleicht etwa der Glacier National Park aufgrund ausgedehnter Projekte zur Lawinen-Untersuchung und Straßenausbau eher einer urbanen Großbaustelle, die jemand aus Versehen aus dem Großstadtdschungel in die bergige Wildnis verpflanzt hat. Doch außer dem Wald aus orangenen und gelben Straßenschildern finden wir noch einen wirklichen Wald, an dem wir unsere Rast einlegen können. Es handelt sich um den Hemlock Grove Boardwalk Trail im Glacier Park, einem Rastplatz mit kurzem Lehrpfad durch ein Stück ursprünglichen Urwalds aus Hemlocktannen. Sowohl der kurze Pfad durch’s verwunschene Gehölz als auch die Walmart-Soup (günstige Walmart-Asia-Nudeln, von Jo nach allen Regeln der Kunst gestreckt, veredelt und aufgepeppt) sind ein echtes Highlight.

 

Auf diesem Bild nicht zu sehen ist das lustige russische Pärchen neben uns, die sich für 400 Meter gesicherten Rundweg auf Holzplanken ausrüsten, als ging’s an die Durchquerung des Amazonas-Gebietes – komplett mit mehrschichtiger Funktionskleidung, Bärenglocken, Taschenlampen, Fernglas und Proviant für geschätzte 6 Wochen.

 

Welcome to the Jungle

 

Es geht weiter über die Ausläufer der Rockies, die das Auge nach wie vor mit erlesenen Ausblicken verwöhnen, und hinauf auf das Interior Plateau (die Hochfläche zwischen den Rocky Mountains und den Coast Mountains) bis zum heutigen Tagesziel – dem Parkplatz der „Mall at Piccadilly“ im Städtchen mit dem hinweisgebenden Namen Salmon Arm. Auf diesem Parkplatz (auf welchem auch ge-dumpt werden kann und ich einen netten Plausch mit einem fellow camper führe, während wir beide unser black water ins hiesige Abwassersystem entleeren) ist das Übernachten offiziell nicht gestattet, wird aber in einschlägigen Apps empfohlen, weshalb man prototypisch das Rudelverhalten der Gattung motorhome-owner beobachten kann: Diverse Mobile umkreisen den Parkplatz während der Abendstunden immer wieder vorsichtig und sobald ein Exemplar mutig eine feste Parkposition einnimmt, folgt bald ein zweites und dann immer mehr und mehr, welche alle die Park-Ausrichtung des ersten Exemplars Mimikry-mässig nachahmen. Dieses Verhalten folgt meist der inneren Argumentation: Die Polizei wird uns ja wohl nicht ALLE abschleppen. Nicht Nacht verläuft (im Schutze der Herde) absolut störungsfrei.

 

Die Schar

 

Der nächste Morgen (es ist ein Mittwoch und damit der Beginn von Woche 4) beinhaltet in Ermangelung eines McDonald’s einen Starbucks-Kaffee, der bei einem Spaziergang durch die langsam aus den Federn kriechende Mall at Piccadilly genossen wird. Zu bewundern gibt es neben einigen England-bezogenen Wortspielen (die Buchhandlung heißt selbstverständlich „Bookingham Palace“) sowie einem absurd pittoresken Fischteich einige rechtschaffen grauenhafte Wandmalereien.

 

Die Fontäne in der Mitte leuchtet auch noch bunt.

 


Ohne Worte.

 

Es geht weiter über das Plateau und durch das Nicola Valley, was in Gestalt und Atmosphäre mehr und mehr einer andalusischen serranía ähnelt. Braun ist die dominante Farbe, die Hitze steigt mal wieder und Werbetafeln für Rodeos in allen Spielarten tun ihr Übriges dazu. Wir entscheiden uns aus Zeitgründen dafür, den HWY 1 kurzzeitig zu verlassen und bei Kamloops (ein Knotenpunkt im Thompson Valley) die als schneller angegebene Route über den HWY 5 Richtung Vancouver zu nehmen – obwohl die 70 km längere Strecke auf dem HWY 1 als besonders scenic beschrieben ist. An besagtem HWY 5 pausieren wird dann in Merritt, was tatsächlich ein bisschen den Charme einer kleinen desert town aus den 70ern ausstrahlt. Dort tun wir vor dem Picknick das, was wir in kleinen Städten mit brütender Hitze immer tun: Wir besuchen das örtliche Schwimmbad. Es ist klein, sympathisch, so gut wie leer und sehr erfrischend.

 

Merritt

 

Hernach geht es an die letzte Etappe des Tages zu einem Walmart in der Stadt mit dem augenscheinlich einem Sit-in entsprungenen Namen Chilliwack. Und auf dieser Strecke zeigt British Columbia noch mal auf eine ganz andere Weise, warum auf den Nummernschildern einfach Beautiful British Columbia steht. Der HWY 5 mit seinen stellenweise erlaubten 120 (!!!) km/h schneidet sich nämlich von der Hochebene hinunter in die Küstenregion von Metro Vancouver durch den Fraser Canyon. Und dieser Canyon ist ein Canyon, von dem schon die Alten sagten: „Was für ein Canyon!

Was nun die Beschreibung dieses Streckenabschnitts angeht existieren innerhalb der Reisegruppe aktuell zwei Versionen: die von Tim – welcher am Steuer das Highlight eine Berg- und Talfahrt der Extraklasse mit spektakulären Aussichten bei angenehm zügiger Geschwindigkeit erlebt – und die von Jo – welche jede der zahlreichen Kurven als die letzte ihres Lebens und überhaupt den kleinen Campervan samt Insassen qua Überschall-Unfall an der Schwelle zum Jenseits wähnt.

Bevor jetzt hier eine Diskussion über geschlechtsspezifische Temperamente losbricht sei erwähnt, dass es bei abenteuerlichen Straßenverhältnissen zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind, ob man im JoMo auf der Vorder- oder auf der Rückbank sitzt. Durch die herrschenden Fliehkräfte, das Sitzen zwischen den Achsen (und Stoßdämpfern) sowie die recht lockeren Sitzpolster der Rückbank wird das Gefühl der Geschwindigkeit, jede Unebenheit und eben auch jede Krümmung der Straße um einiges verstärkt an den Körper weitergegeben. Als Rolf Zuckowski einst singen lies: „Mein Platz im Auto ist hinten“ bezog er sich wohl eher auf ein Modell mit Schalensitzen und 4-Punkt-Gurten als auf einen ausgebauten Kastenwagen. Und im Fraser Canyon war der vermutlich auch nie. Schade für ihn. Es lohnt sich!

 

Ein mal wieder völlig unzureichendes Foto der Landschaft.

 

Beim Walmart in Chilliwack beschließen wir uns ganz chillig ausnahmsweise eine Pizza zum Abendbrot zu gönnen, da es für eine Weile erst mal der letzte Parkplatz sein wird. Die Auswahl im großen Parkplatz-Food-Court hält sich in Grenzen bzw. verengt sich auf „Papa John’s“, der zwar eine durchaus vertretbare Pizza machen lässt, sich bei näherer Betrachtung gesellschaftlich dann aber wieder als totaler Griff ins Klo erweist. Bei Starbucks oder McDonald’s muss man für den leckeren Kaffee z.B. die Steuer-Tricks, die untergründigen Produktionsbedingungen und das aggressive Marketing aushalten, bei Papa John’s unterstützt man mit dem Firmengründer ein ultra-republikanisches Ekelpaket, das sich in Folge seiner typischen Tellerwäscher-Millionär-Biografie zum Trump-Supporter, ObamaCare-Hetzer und Anti-Rassismus-Protest-Diskreditierer gemausert hat. Na, Mahlzeit.

 

Zwecks comic relief folgt abschließend noch das Transkript eines kurzen Dialogs, den wir vor einer großen Kaffeerösterei (deren Name an dieser Stelle wirklich überhaupt nichts zur Sache tut) zufällig belauscht haben, als zwei Männer beim Rausgehen plötzlich vor JoMo stehenbleiben.

 

„Looks like they brought this thing straight in from Germany.“

„Yeah.“

„Unreal.“

„Yeah. Nice color, too.“

„Yeah. Schoen gelb!“

 

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