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Tag 20 – Die Rocky Mountains

Der Tag beginnt mit der Abgabe von Jos zersplittertem Telefon bei den freundlichen Kollegen von iBroken, wobei wir die Reparatur-Zeit nutzen, um die örtliche Mall zu erkunden, die weniger den kruden Charme einer typischen nordamerikanischen Mall als mehr die charakterlose Sterilität eines europäischen Shopping-Centers ausstrahlt. Doch es gibt eine nagelneue Fußgängerbrücke über die Highways, wo Baby ToJo ihre Bestzeit im Sprint verbessern und von oben auf die spannenden Autos herabschauen kann.

 

90 Minuten später hat das iPhone ein neues Glas, ein neues Case und eine neue Folie, so dass der Ritt über die berühmte Felsen seinen Anfang nehmen kann. Und die Anfahrt aus Calgary sei an dieser Stelle unbedingt empfohlen! Das haben die Stadtplanenden in Verbindung mit der Natur ziemlich benutzerfreundlich eingerichtet: Man folgt dem HWY 1 (Trans-Canada) eine ganze Weile durch die Stadt und schlängelt sich noch um einen ziemlich großen Berg herum, bevor man eine Art Tal durchfährt, an dessen Ende sich logischerweise ein weiterer großer Hügel erhebt, auf dessen Kuppe man schließlich und endlich den ersten wahrhaftigen Blick auf das Gebirgsmassiv erhält. Und was für Berge! Mit jeder Minute rücken sie näher und ehe man sich’s versieht hat man die letzten städtischen Ausläufer, Farmen, Äcker und RV Parks hinter sich gelassen und taucht ein in den ersten der großen National Parks der Rockies: Banff National Park.

 

Und wer entdeckt die Rockies jetzt?

 

Wenn man zur Ostsee will muss man durch Brandenburg und wenn man durch die Rocky Mountains will muss man durch Banff. Banff nennt sich die Wiege des kanadischen Nationalparksystems und ist der Dreh- und Angelpunkt des etablierten Nationalpark-Tourismus. Ersteres liegt darin begründet, dass im Jahre Schnee irgendwelche Goldsucher im inneren von Sulphur Mountain über eine unterirdische Thermalquelle gestolpert sind, die zunächst als Wellness-Attraktion in sprudelnde Dollars verwandelt wurde, bevor man beschloss, das Prinzip Nationalpark mehr unter dem ökologisch bewahrenden als unter dem zu menschlichen Erholungszwecken ausbeuterischen Gesichtspunkt zu sehen. Die Höhle mit besagter Quelle darin ist heute die Haupt-Tourismus-Attraktion des Ortes, was folgerichtig bedeutet, dass man eine signifikante Anzahl an Loonies bezahlt, um in einer Schlange anstehend und langsam durch einen Tunnel vorrückend einen kurzen Blick auf ein trübes und aufgrund des Schwefels recht unwirtlich stinkendes Becken zu werfen, in dem alle möglichen Sorten von Lampen, Rohren und Kabeln zu erkennen sind. Überwältigung angesichts unberührter Natur mag noch nicht so recht aufkommen, aber wir sind ja auch erst am Anfang.

 

Die stinkende Heimat der immerhin endemischen Banff Springs snail (physella johnsoni).

 

Ähnlich absurd wie der schwefelige Besucher*innen-Magnet ist die Ortschaft Banff selbst, wo man den Eindruck hat, die Stadtväter haben sich von einem amerikanischen Touristen, dessen Schwager nach dem Krieg in Österreich geblieben ist, die Schweiz der 70er beschreiben und davon inspirieren lassen. Braungebrannte Menschen in buntem Outdoor-Equipment flanieren über die Hauptstraße, an der sich zwischen den obligatorischen McDonald’s- und Starbucks-Filialen die Galerien, Boutiquen, Restaurants, Outdoor-Läden und Souvenir-Shops das Trottoir streitig machen. Alles ist frisch geleckt und optisch in einer kuriosen Mischung aus Hütten-Design, Fachwerk-Stil, Stein-Ästhetik und Kitsch-vom-Feinsten gehalten. Alles wirkt liebevoll künstlich, herzlich überteuert und scheinheilig sauber.

 

Mein Banff

 

Mein Banff 2

 

Mein Banff 3

 

Wir machen Station um uns (natürlich) die Schnecken-Quelle anzuschauen, einen Park-Pass zu erwerben und nebenbei zu erfahren, dass nach neusten Erkenntnissen die im Rest des Landes überall angepriesenen Bärenglocken absolut rein gar nichts bringen. Das stetig klingelnde Geräusch interessiert einen Bären herzlich wenig und er erschreckt sich trotzdem, wenn man unverhofft um die Ecke kommt und plötzlich vor ihm steht und wenn dann Schreien und Klatschen und Singen und Sich-groß-machen nichts mehr hilft – tja, dann hilft wohl nur noch das Bären-Spray. Ich könnte nicht sagen, warum genau wir anschließend nicht sofort welches kaufen. Vielleicht ist es der unterschwellige Glaube, dass wenn man es erst mal hat, man es auch benutzen wird müssen, was wir tunlichst vermeiden wollen, weshalb wir es erst gar nicht kaufen, damit wir es nicht haben und auch nicht benutzen müssen. Vielleicht ist es auch die Hoffnung, dass die mannigfachen Geschichten über Bären im großen und ganzen arg dramatisiert und zum gesteigerten Sicherheitsempfinden der Besuchenden im Umlauf sind.

 

Als wir das Touristen-Zentrum wieder verlassen, und bei den aktuellen öffentlichen Anschlägen neben dem Ausdruck der Wettervorhersage auch diverse Warnungen für bestimmte Gebiete aufgrund von Grizzly-Mutter-nebst-Jungen-Sichtungen ausmachen, wird zumindest diesem Blogger doch etwas nachdenklich um die Magengegend.

 

Da ist schon einer!

 

Sodann fahren wir weiter durch den eigentlichen Park und – was soll ich sagen – es ist eine Wucht! Das erste Mal auf der bisherigen Reise ist es mir nicht ein innerer Reflex schneller zu fahren als das angegebene Tempo-Limit. Die 90 km/h sind eigentlich noch zu schnell, da man die ganze Zeit mit offenem Mund fährt und schauen und staunen möchte. Es liegt mir fern, die italienischen und österreichischen Alpen beleidigen zu wollen, aber diese Naturlandschaft ist eine komplett andere Sportart. Malerisch schlängelt sich der hervorragend ausgebaute Highway um die Berge, durch die Täler, an Schluchten entlang, über reißende Flüsse – und alles ist gesäumt von diesem unverkennbaren borealen Nadelwald. Es ist – in der bewussten Einfachheit der Wortwahl – einfach unglaublich schön.

 

Dieses Bild sagt weniger als 1.000 Worte.

 

Das Etappenziel ist eine unerschlossene Campsite im Wald einige Kilometer abseits des Highways. Mit dem Verlassen des Banff National Park haben wir nämlich die westlichste der kanadischen Provinzen erreicht – British Columbia. Eine dort in Kanada mehr oder minder einzigartige Regelung sieht vor, dass Naturfreunde auf sogenanntem Crown Land (Land, dass nicht in Privatbesitz ist sondern eigentlich dem Staatsoberhaupt [also der Queen] gehört, allerdings gemeinhin als öffentliches Land angesehen wird) in designierten Recreational Sites ihr Lager aufschlagen dürfen. Als wir den Koordinaten folgend den Highway verlassen stellen wir bald fest, weshalb so viele Nordamerikaner Geländewagen mit Allradantrieb und hoher Bodenfreiheit ihr Eigen nennen. Abseits der befestigten Hauptstraße beginnen unbearbeitete Wirtschaftswege (vulgo: Schotterpisten), für die unser ansonsten nahezu perfektes JoMo mit seinem tiefliegenden Abwassertank und seinen senilen Stoßdämpfern einfach nicht gebaut ist. Nach wenigen hundert Metern müssen wir vor Schlaglochhausen kapitulieren, dennoch finden wir Dank der Hilfe einer freundlichen Einheimischen eine andere, ebenbürtig abgelegene Stelle zum Campen, deren Anfahrt uns nicht den kompletten Unterboden zu Lametta zerfetzt.

 

Der Abend verläuft weitestgehend ruhig und tatsächlich zeigt sich der neue Mücken-Schutz Wirkung! Der Feind schafft es zwar nach wie vor in unseren Bereich (luftdicht ist JoMo eben nicht zu versiegeln) – jedoch in weit geringerer Zahl, die wir Dank Mutter Strom noch weiter dezimieren können –, wird allerdings von den Netzen aus unserer unmittelbaren Schlafumgebung ausgesperrt. Hier und da sind durchaus noch Verbesserungen möglich, doch zunächst steht es 1 zu 0 für die Zweibeinigen! Der Schlaf ist angenehm, die Nacht von Waldgeräuschen erfüllt und der Morgen schattig.

 

„Wildes“ Campen!

 

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