· 

Tag 17, 18 + 19 – Die Prärie

Da wir – stets souverän auf der Lernkurve surfend – das Ver- und Entsorgungs-Procedere bereits am Tag zuvor erledigt haben, kommen wir verhältnismäßig früh zurück auf die Straße. Und diese Straße – der Trans-Canada-Highway 1 – führt ab jetzt nur noch nach Westen. Geradewegs. Also im wahrsten Sinne des Wortes schnurgerade. Also wirklich gerade. Geradeaus. Immer. Ausschließlich. Es geht so was von geradeaus, dass man quasi keinerlei Lenkbewegung zu vollführen braucht. Es geht dermaßen geradeaus, dass man aufpassen muss, nicht in Trance zu geraten. Innerlich beten wir zum großen Manitou, er möge doch ganz unverhofft und augenblicklich einen Tempomat im JoMo entstehen lassen, denn so tut man über Stunden nichts anderes, als die Hand am Steuer wie den Fuß auf dem Gaspedal in einer unveränderten Position zu halten. Links und rechts dehnen sich Felder, Weiden und Graslandschaften bis ins Unendliche aus. Wenn Fahrzeuge vom Highway auf eine der unzähligen, ungepflasterten, orthogonal verlaufenen Straßen abbiegen, folgen ihnen augenblicklich riesige Staubwolken, die man bereits von Weitem sieht, handelt es sich um Fahrzeuge, die wiederum aus der Unendlichkeit kommend auf den Highway einbiegen wollen. Hervorragend ins Bild passen ebenso die uns zuverlässig flankierenden Strommasten sowie die ewig langen Züge der Canadian Pacific Railway, die wie gigantische Raupen die weiten Ebenen durchkreuzen – sich mal auf den Highway zubewegend, mal parallel zu ihm verlaufend. Es ist tatsächlich atemberaubend, wenn das Auge diese Art von Entfernungen nicht gewohnt ist.

 

The long and un-winding road.

 

Das oben Beschriebene führt dazu, dass wir die Provinzen Manitoba und Saskatchewan im Vergleich zu New Brunswick (wo man erst mal nur von Süden nach Norden kommt), Québec (wo man andauernd mühsam die Grenze zu den störrischen USA umschnörkelt) und Ontario (wo das Wort „geradeaus“ unbekannt ist und man sich durch eine herausfordernde Topographie aus Hügeln, Wäldern, Seen und noch viel größeren Seen windet) jeweils in schnittigen zwei Tagen schaffen. Für Ontario haben wir beispielsweise volle 6 Tage gebraucht.

 

Und so verlassen wir schon bald das „freundliche“ Manitoba um in einem Kaff in Saskatchewan mit dem schwer zu greifenden Namen Moosomin (Muhsomín? Múßominn? Mus-o-mean?) zu pausieren. Hitze und Moskitos (wo zur Hölle gibt’s die nicht in diesem Land?) zwingen uns zu längeren und von den Mitarbeiterinnen mit als verschämte Freundlichkeit getarnter Missbilligung aufgenommenen Aufenthalten im Baumarkt sowie in einer Art Woolworth für noch schlechter betuchte und im Supermarkt. Immerhin kaufen wir einen kleinen Ventilator für’s Auto, der während der Fahrt auch hinten für etwas mehr Abkühlung sorgen soll, welcher aber leider nach ca. 3 Sekunden Betrieb am (deutschen!) 12V-Wechselrichter anfängt zu rauchen. Da hätte wohl besser jemand seinen eigenen Blog-Eintrag zum Thema „Strom“ noch mal in Augenschein genommen. Quasi Sturz vom Lernkurven-Surfboard.

 

Moose O Min!

 

Der Tag endet unaufregend auf dem Walmart-Parkplatz von Regina (und es geht weiter: Sagt man jetzt Regína wie der deutsche Vorname? Sagt man Rédschina wie eine weibliche Form von Reginald? Sagt man tatsächlich Rädscháina wie die englische Aussprache von Vagina? Das sind die elementaren Fragen, die einen auf einer solchen Reise beschäftigen. Man möchte ja keinen culture clash riskieren …) wobei wir uns zuvor noch ein Bad in einem der städtischen open air pools gönnen. Das ist auf mehreren Ebenen ein schönes Erlebnis. Zum einen ist das public swimming von 19:00 - 20:00 kostenfrei, zum anderen zeigt sich das urbane Kanada auch hier wieder von seiner diversen und multi-ethnischen Seite. Während die Abendsonne langsam ein saftiges Dunkelorange über den Himmel ergießt tobt ein ganzer Haufen von Kindern in allen Formen der Badebekleidung durch das recht übersichtliche Schwimmbecken und schreit sich in denselben Idiomen an, in denen er vermutlich von den Eltern am Beckenrand angeschrien wird, doch bitte etwas weniger laut zu schreien. Viele Kinder sind auch ganz ohne Eltern da und man hat den Eindruck einer offenen, locker chaotischen, harmonierenden Gemeinde, wo es scheißegal ist, ob eine einen Burkini trägt oder ein T-Shirt oder einen Badeanzug oder einen seltsamen Dutt auf dem Kopf oder weiß der Teufel was. Über die Maßen angenehm.

 

Re Chai Na!

 

Dank des quasi nicht vorhandenen Verkehrs auf dem Highway-vom-Reißbrett und des zwanglosen Umgangs mit dem Tempolimit (es ist erstaunlich, wie einem 120 km/h irgendwann wie 60 km/h und 90 km/h wie 30 km/h vorkommen können) verläuft der folgende Tag exakt nach Plan. Pausiert wird in der Mall einer Stadt mit dem wohl pragmatisch gewählten Namen Swift Current und Station gemacht in einer Stadt mit dem Phantasie evozierenden Namen Medicine Hat. Dazwischen fliehen wir eine Zeit lang vor dem Gewitter, welches sich hinter unserem Heck zusammenbraut, und das wir aufgrund der wirklich flachen und wirklich weitläufigen Landschaft bereits von Weitem ausmachen konnten. Und wie wir ihm gerade entflohen scheinen taucht vor uns der Atompilz unter den Unwettern auf. 

 

„Und da sollen wir reinfahren …?“

 

Nach diesem bis auf meteorologische Anomalien recht ereignislosen Fahrt-Tag hat am folgenden mit dem Grenzübertritt nach Alberta die Landschaft ihre Verwandlung in eine Bilderbuch-Prärie endgültig vollzogen: Sanfte Hügel mit hellbraun bis grünlich ausgebleichten Gräsern so weit das Auge reicht und ein würziger Geruch, den der warme Wind durch das stille Panorama weht. Einen direkten Eindruck davon bekommen wir, als wir (einmal mehr) vor verschlossenen Toren stehen – diesmal vor dem Blackfoot Crossing Historical Park, an dem wir Rast machen möchten. Irgendwie scheinen wir kein Glück mit den Öffnungszeiten diverser Einrichtungen in diesem Land zu haben …

 

„Und da wollten wir reinfahren …“

 

Eine Pause gönnen wir uns trotzdem und Jo nutzt die Zeit, um endlich das lange geplante Moskito-Abwehr-Upgrade im JoMo zu implementieren. Selbiges besteht hauptsächlich aus einem zugeschnittenen Netz, welches den Schlafbereich vom Rest des Wohnraums abtrennt, sowie einem Netz hinter den Hecktüren, damit diese zur Gas- und Wasserversorgung geöffnet werden können, ohne dass die stechenden Stoßtruppen ins Fahrzeug gelangen. Anschließend werden noch um die Fenster herum alle Öffnungen mit Kreppband abgeklebt. Diese Vorkehrungen in Verbindung mit unserer neusten Nahkampfwaffe – einem elektrischen Schnaken-Schläger – sollten uns für den nächsten Angriff in Wald und Flur wappnen.

 

Nachdem Baby ToJo dann ausreichend besagte Prärie-Luft geschnuppert hat, nehmen wir die Fahrt wieder auf und bekommen zumindest noch den Hauch eines Eindrucks von der Lebensweise der „First Nations“ – also der indigenen Bevölkerung Kanadas. Auf dem Weg vom Historical Park streifen wir eine Siedlung, die aus einigen recht baugleichen Häusern mitten in der Landschaft besteht, umgeben von Autos, Bussen und Wohnmobilen (in jedem denkbaren Zustand) sowie Gerätschaften zur Landarbeit und Kinderspielzeug. Seltsam lieblos und eher nach einem zufällig dort hingestellten Ansammlung von Behausungen als nach dem Ort einer gewachsenen Community sieht es aus. Aber das Verhältnis von Kanada zu seinen ursprünglich Ansässigen ist einen eigenen Blogeintrag an anderer Stelle wert.

 

Ein echtes „Indianer“-Dorf.

 

Das Highlight dieser Prärie-Etappen wird die Einfahrt nach Calgary, der größten Stadt der Provinz Alberta, wo wir das erste Mal – weit am Horizont und in der diesigen Hitze des Tages kaum auszumachen – die Silhouette der Rocky Mountains erkennen. Auch wenn es nur ein kurzer Moment ist, so wird doch mit einem Mal die wahnsinnige Strecke, die wir bis hierhin zurückgelegt haben, ganz deutlich spürbar. Der Puls ergeht sich kurz in leichtem Galopp und wir beschließen, den letzten Tag diesseits des Gebirges mit dem Besuch eines zünftigen Spaßbads zu zelebrieren. Das Calgary Village Square Leisure Centre ist der feuchte Traum (no pun intended) eines jeden Kindes von 4 - 99 Jahren mit Wellenbad, Safari-Splash-Zone-Klettergerüst, Riesenrutsche und hot tub. Baby ToJo ist hauptsächlich mit Starren und Staunen beschäftigt und zum eigentlichen Planschen viel zu abgelenkt von der bunten Wusel-Explosion und einem Lärmpegel, der einem mit sich selbst multiplizierten Kindergeburtstag in sechsfacher Verstärkung in nichts nachsteht. Aber Spaß macht’s dennoch.

 

Tja – Tag und Blogeintrag könnten nun an dieser Stelle enden, hätte der heilige Christophorus (oder wer auch immer aus dem vielschichtigen Pantheon sich für uns Reisende zuständig fühlt) nicht noch den launigen Einfall, die Erdanziehungskraft im Bereich Nord-Ost-Calgary kurzzeitig etwas zu erhöhen, so dass Jos iPhone unweigerlich seinen Weg in Richtung steinerne Stufen des Village Square Leisure Centres antritt und unaufgefordert und ganz ohne Appstore-Anmeldung die Spinnennetz-App im Dauerzustand fährt. Sprich: Der gläserne Bildschirm ist sowas von im Arsch, dass nicht mal ein verletzungsfreies Wischen mehr möglich ist. Das ist schon aus Fotografie-technischen Gründen keineswegs hinnehmbar, so dass umgehend umgeplant und ein Besuch bei den Kollegen von iBroken am nächsten Morgen der Fahrt ins Gebirge vorgeschaltet wird. Beruhigt ob dieser Möglichkeit verbringen wir die Nacht ausnahmsweise NEBEN einem Walmart-Parkplatz, da der customer service des hiesigen Walmarts ein Abgeschleppt-und-mit-horrenden-Geldsummen-bestraft-werden durch die Polizei nicht mit Sicherheit ausschließen kann. Glücklicherweise ist nebenan irgendein Store jüngst geschlossen und der angrenzende Parkplatz dadurch quasi herrenlos geworden. Die Frequenz der NO OVERNIGHT PARKING!-Walmarts scheint insgesamt zuzunehmen … was ist da los? Wir werden berichten.

 

Wer entdeckt die Rockies?

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0