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Tag 11 + 12 – Das Bilderbuch-Kanada

Die etwas durchwachsene Nacht steckt noch in den Gliedern, wie wir so am Morgen zu den dringend benötigten hot showers schlurfen, als plötzlich ein unerwartet süßer Ruf in unsere Richtung tönt: „Mornin’! You guys in for some pancakes? It’s free pancake breakfast today!

Das lassen wir uns nicht zweimal sagen! Es wird schleunigst geduscht und das JoMo fahrbereit gemacht und dann werden ausgiebigst pancakes gefrühstückt – richtige nordamerikanische pancakes – nicht neu-französische Teiglappen aus der Hölle. Die versammelte Pensionärs-Clique fordert uns so oft zum Nachschlag auf, dass sogar das immer Appetit habende Baby irgendwann nur noch müde abwinkt. Dazu gibt es ausgesprochen nette Gespräche mit den locals und alles in allem verlassen wir den Serpent River in vielerlei Hinsicht aufgetankt.

Sault Ste. Marie [ˈsuːˌseɪnt məˈɹiː] ist die Station für die Pause. Interpretiert man auf einer Landkarte die drei großen Seen (Lake Superior, Lake Michigan und Lake Huron) als nach unten zeigendes, dreigliedriges Blatt, so liegt die kleine Grenzstadt in etwa dort, wo die drei Teile des Blattes zusammenwachsen. Und spuckt man von Sault Ste. Marie aus über den Fluss (hypothetisch! – es ist ein recht breiter Fluss), so trifft man den US-Bundesstaat Michigan.

 

Im Hintergrund: Die U,S & A

 

Den Autor kitzeln sanfte Erinnerungen, denn er war in seinem Leben schon einmal in dieser Stadt – als Kind im Jahre Schnee auf der Durchreise mit einer Bombardier Dash 8-100 turboprop von Montreal kommend, um von hier aus einen Zug der Algoma Central Railway zu besteigen und bei etwa 30 Stundenkilometern nach einem gefühlten halben Tag tief in Ontarios Norden den Lake Wabatongushi zu erreichen.

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An dieser Stelle sei einmal ganz unverblümt Werbung gemacht: Wenn gerade eine größere Summe Geld (etwa im oberen vierstelligen Bereich) auf der hohen Kante liegt und der Ruf nach wirklicher Wildnis laut wird, so sollte dringend Errington’s Wilderness Island Resort ins Auge gefasst werden. Mehr gelungene Symbiose aus direktem Natur-Erlebnis und unaufdringlichem Urlaubs-Komfort geht nicht. Man kommt nur per Wasserflugzeug oder eben Bummelzug zur Lodge am Lake Wabatongushi. Dort residiert man in einer eigenen voll ausgestatteten sowie charmant urigen Blockhütte inklusive eigenem Anlegeplatz mit Motorboot, kann den ganzen Tag den etwa 35 km langen See mit seinen zahllosen Inseln und Uferstreifen erkunden, schwimmen, den Northern Pike und den Walleye das Fürchten leeren, Beobachtungsposten für Elche, Schwarzbären, Biber und Vögel beziehen, sich je nach gewähltem Plan komplett selbst versorgen oder in der Lodge, die genau so in Twin Peaks liegen könnte, zum Essen gehen, wahlweise dort mit den anderen Gästen klönen, Billard spielen oder Angler-Latein austauschen.

Es ist zugegebenermaßen ziemlich kostspielig – aber ich war als junger Teenager dort und ich fand’s nachhaltig herausragend. Die zwei Wochen in der kanadischen Wildnis waren der Zündfunke für den unbedingten Wunsch, wieder in dieses atemberaubende Land zu kommen.

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Sault Ste. Marie

 

Heute streift ein anderes Kind durch die Mall von Sault Ste. Marie und zieht wieder mal alle Aufmerksamkeit auf sich. Als „Happy Little Camper“ wird sie betitelt und wir fragen uns, welche der Leuchtschriften auf unseren Stirnen wohl am deutlichsten blinkt: EUROPEANS! TOURISTS! oder CAMPER!

 

Die tapferste Band der Welt.

 

Trotz der brüllenden Hitze wollen wir uns die gerade stattfindende car-show nicht entgehen lassen. Dort gibt es unter den satten Gitarren-Riffs einer örtlichen Rockband (denen die street credibility wie der Schweiß über die tätowierten Körper rinnt) neben grandios in Stand gehaltenen Oldtimern und mächtig aufgemotzten Rennwagen auch ein besonderes Kleinod: Einen zum motor home umfunktionierten ehemaligen Schulbus. Es ist ein Traum des DIY – das selbstbewusste Klischee einer Trapper-Hütte in den herausfordernden Ausbau eines Reisemobils gegossen. Und als wir dann noch hören, dass der kanadische Daniel Düsentrieb lediglich $8.000 (davon $4.000 für den ausrangierten Bus) in das Projekt investiert hat, fangen neben den leuchtenden Augen auch die Finger an zu zucken. Doch in letzter Konsequenz wäre es wohl ein semi-sinnvolles Unterfangen, so ein Gefährt nachzubauen, da Europa eher der Kontinent der pittoresken Gässchen statt der ausladenden Highways ist. 

 

Der Alptraum des Veganers – zugegeben. 

 

Jo fachsimpelnd mit Trapper Düsentrieb.

 

Wir verlassen Sault Ste. Marie mit aufgefüllten Vorräten (darunter Bier, welches man – wie sämtlichen Alkohol – in Ontario nur in staatlich lizensierten Geschäften der Kette LCBO kaufen kann) und folgen weiterhin dem HWY 17, der sich zum Teil malerisch an der Ostflanke des Lake Superior entlang schlängelt. Hier zeigt die zweitgrößte kanadische Provinz was sie sogar in den erschlossenen Regionen landschaftlich zu bieten hat – der über weite Strecken einsame Highway durchschneidet in stetigem Auf und Ab dunkelgrüne Nadelwälder; rechter Hand bieten sich immer wieder traumhafte Ausblicke auf das flächenmäßig größte Süßwasser-Reservoir der Erde; linker Hand öffnet sich ab und an die Wand aus Bäumen und gibt die Sicht frei auf spiegelglatte mit bewachsenen Inseln gesprenkelte Seen. Es ist – wie man so sagt – Kanada, wie’s sich der kleine Moritz vorstellt. Dementsprechend sind wir gespannt auf den heutigen Stellplatz, der laut Kommentaren in der Camping-App ein einfacher Flecken im Wald nahe den Ufern des großen Sees sein soll. 

 

Ontario: Das Bilderbuch-Kanada

 

Lake Superior

 

Als wir dann an einer scheinbar beliebigen Stelle des Highways abbiegen und über einen kurzen Schotter-Abhang auf eine Art Lichtung im Gehölz gelangen, hätten wir bereits aufmerksamer sein müssen. Kaum ist der Motor aus, tummeln sich diverse Insekten und solche, die’s noch werden wollen, um’s JoMo und nach kurzer Exkursion in Richtung See wird uns klar, dass wir hier entspannter-Abend-Ausklang-mäßig keinen Blumentopf gewinnen können. Dies ist Sechsfüßler-Land. Wir fahren also zu einem vor kurzem passierten Halteplatz/Aussichtspunkt zurück um dort zu verweilen, zu Abend zu essen und lediglich zum Schlafen auf die blickgeschützte Wald-Lichtung zurück zu fahren. Soweit die Theorie …

In der Praxis verläuft die Nacht komplett anders, da wir uns mit dem späteren Einbruch der Dunkelheit einer schieren Übermacht an Blut- und Rachedurstigen Moskitos konfrontiert sehen. Obwohl Fenster und Türen geschlossen sind, lässt sich ein Camper Van natürlich nicht hermetisch abdichten und da wir offenbar inmitten der Metropolregion einer örtlichen Stechmücken-Zivilisation zu lagern beschlossen haben, findet eine steigende Zahl bewaffneter Spähtrupps irgendwie ihren Weg in unser fahrbares Fort. Als das Summen und Schwirren in Lautstärke und Volumen die Grenze von Natur-Pur zu Gruselfilm überschreitet, beschließen wir das Handtuch zu werfen. Irgendwie bekommt Jo das Baby zum Schlafen, als wir Waterloo, Ontario, verlassen um uns im ersten Motel, das uns begegnet, eine Nacht in einem richtigen Zimmer zu gönnen.

Aber die Autor*innen der großen Serie, in der wir alle spielen, haben für diese Episode unserer Reise noch einiges in petto. Zunächst mal sollen es noch über 100 Kilometer sein, bis wir auch nur in die Nähe einer festen Unterkunft gelangen. Weiterhin ist so eine ontarianische Nacht wirklich sehr, sehr, sehr dunkel und dass die „Night Danger!“-Schilder mit dem sprinten Elch-Piktogramm darauf in ihrer Häufigkeit zunehmen, macht die Sache nicht eben entspannter. Als dann auch noch eine große, träge und ausgesprochen suppige Nebelbank beschließt, für diese Nacht vom Lake Superior auf den HWY 17 umzuziehen (weil’s da so schön kurvig ist), wird uns doch ein wenig mulmig zu Mute.

 

Das ist besagter Nebel tagsüber. Diesen bitte jetzt doppelt so dicht und nächtens vorstellen.

 

Aber bevor die Spannung hier ins Unerträgliche steigt – es fällt rein gar nichts vor. Nach etwa 90 Minuten Nachfahrt im Genre „Der Hund von Baskerville“ erreichen wir gegen 00:30 das White Fang Motel kurz vor dem einzigen Ort Kanadas, den auch unser Baby fehlerfrei aussprechen kann: Wawa.

Der kanadisch-polnische Inhaber meint noch trocken, wir sollten doch lieber tagsüber fahren, da täten wir viel mehr von der tollen Landschaft sehen. Ich schmeiß’ mich höflich weg. „Ohlso, ät se neit, ser chrappens lots of aksidents wit moose! Wenn I drreif last time ät neit, I see twenti moose!“ Ja. Schönen Danke auch. Gute Nacht.

 

Hat man das also auch gemacht.

 

Nach der Nacht im Motel scheint das Baby nur kurz irritiert ob der veränderten Aufwach-Umgebung, hat dann aber sofort Spaß am Erkunden des Zimmers. Mit Frühstück im Bauch geht es durch den ersten wirklichen Regenguss der Reise in ein Örtchen namens Marathon, wo im Baumarkt Utensilien für die nächste Stufe der Moskito-Abwehr im JoMo besorgt werden. Da wir das kleine Auto nicht mit waffenfähigen Chemikalien (an denen es selbstverständlich nicht mangelt) vollballern wollen und können, wird an einer separaten Netz-Trennwand zwischen Schlafbereich und restlichem Wohnraum laboriert. Über Erfolg oder Misserfolg wird an dieser Stelle berichtet werden.

Selbst bei trübem Wetter macht Ontario eine gute Figur als wir den Rest des Tages für die Strecke zu einem Truck Stop nutzen, der das heutige Nachtlager sein soll. Weniger idyllisch dafür mückenfrei und das Gefühl, die Glaubwürdigkeit echter Brummilanten (vulgo: Trucker) zu besitzen. Es schläft sich tatsächlich recht angenehm.

 

Sehnsedensee?

 

Auch für unser Seelenheil ist des Nachts gesorgt.

 

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