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Tag 10 – trial and error

Wenn man unsicher ist, was zu tun ist, keine Bedienungsanleitung vorliegt oder kein/e Expert/in sich verfügbar zeigt, dann ist die wohl erfolgversprechendste Strategie - sofern das Verharren im Status Quo keine Option ist - die von Versuch und Irrtum, bzw. in der Landessprache: trial and error. Mit ein bisschen Glück führt bereits einer der ersten Versuche zum Ziel und die Zahl der Irrtümer hält sich in Grenzen. Ein Beispiel: Das Abwasser (auch: Grauwasser) im Jomo, das sich in einem Tank am Unterboden befindet, ließ sich vor einigen Tagen nicht ablassen. Normalerweise dreht man außen mit einem Vierkant eine Stange um 90 Grad, was einen Verschluss öffnet, woraufhin das Abwasser durch einen Schlauch in den dafür vorgesehenen Bodeneinlass fließt, über dem wir vorher zielsicher geparkt haben. In diesem Fall floss aber nichts. Nicht ein Tropfen. Das Handbuch empfahl, das Abwasser durch den Hauptverschluss (= ein großer Propfen am Tankboden) abzulassen und im Anschluss die Verstopfung zu entfernen. Das war aus verschiedenen Gründen jedoch keine Option, und so kroch ich tags darauf unters Auto, löste mit Schraubendreher und Zange die Schelle, welche den Abwasserschlauch am Abwasserrohr festquetschte und schraubte das Abwasserrohr ab, um dann mit einem Schraubendreher hinter dem geöffneten Ablassverschluss auf gut Glück herumzuprökeln, wie die Westfälin sagt. Es brauchte nur wenige Sekunden, bis mir die wohlriechende Brühe entgegenschoss. Verschluss also fix wieder zu, alles zurück an Ort und Stelle geschraubt, fertig. 

 

Mit etwas mehr Pech führt gar kein Versuch zur Lösung des Problems, was dann nicht weiter schlimm ist, wenn durch die verschiedenen Versuche kein Schaden entsteht und der Status Quo erhalten bleibt. Zumeist ist es jedoch so, dass, ähnlich der limitierten Anzahl für Fehlversuche bei der Eingabe des Pincodes der EC-Karte, das Ausprobieren nicht konsequenzenlos bleibt. So etwa, wenn der 50 Kilometer vom Highway entfernte Campingplatz noch geschlossen ist und wir einen anderen suchen müssen, während alle, auf ein nahes Ende der Autofahrt eingestellt, immer müder und gereizter werden. Oder wenn das Navi trial-and-error spielt und uns nach Sonstwo führt, während alle, auf ein nahes Ende der Autofahrt eingestellt, immer müder und gereizter werden. Oder wenn der Versuch, den Parkplatz am Hafen in Montréal zu erreichen, wegen Bauarbeiten über 100 Umwege führt und wir plötzlich mitten in einem riesigen Stau stecken, während alle, auf ein nahes Ende der Autofahrt eingestellt, immer müder und gereizter werden. Nun. Es scheint recht deutlich zu sein, dass unsere schlechten Erfahrungen mit Versuch-und-Irrtum bislang vor allem im Zusammenhang mit dem Fahren aufgetreten sind. Betrachtet man jedoch auch diese selbst als lehrreiche Versuche, so konnten wir, der verschiedenen Irrtümer sei dank, eine (zugegebenermaßen naheliegende) Lösung für das Problem finden. Sie lautet: Weniger fahren und mit Komplikationen rechnen. Damit fahren (!) wir nun schon seit einigen Tagen sehr viel besser und entspannter, und manchmal, so wie gestern, kommen wir sogar nochmal 100 Kilometer weiter als geplant, weil alle noch konnten. 

Baby Tojo erkundet den Truck-Stop.

Weiter kommen wir nun zwischen 300 und 450 Kilometern am Tag. Das ist super und ich fühle mich auch mittlerweile tatsächlich im Reisen angekommen. Das Baby scheint sich auch daran gewöhnt zu haben und beschwert sich nur selten, wenn es für das nächste Schläfchen in seinen Sitz gelegt wird und Jomo losbrummt. Doch so angenehm und unterhaltsam (ob der tollen Aussichten) das Autofahren für uns Erwachsene auch sein mag, so begrenzt ist doch die Toleranz von Baby Tojo, wenn es über die Schlafphasen hinausgeht. Was für den Weg nach Westen auch vollkommen okay ist, weil es überall etwas Neues zu entdecken gibt und unsere ausgedehnten Pausen uns zu 90 Prozent an interessante und/oder skurrile Orte führen, an denen wir sonst vorbeigefahren wären, so wie heute der Stop am wunderschönen Inwood Lake mit Strand und Picknick und eher wenigen Fliegen. Doch was den Rückweg betrifft, sind wir uns nicht so sicher. Einige der Fahrtage waren jedenfalls nicht so spannend, dass man sie unbedingt in aller Ausführlichkeit wiederholen müsste. Auch die Strecke zwischen Winnipeg und Calgary, welche jetzt noch vor uns liegt, ist vor allem weit und geht einfach nur geradeaus. Damit uns der Rückweg also nicht zu lang wird und möglichst viel Zeit in British Columbia bleibt, gibt es aktuell die Überlegung, dass Teile des Weges zurück an die Ostküste getrennt zurückgelegt werden. Denkbar wäre etwa, dass das Baby und ich oder das Baby und Tim von Calgary nach Québec fliegen, während das andere Elter Jomo mit etwas mehr Schmackes und Sitzfleisch über die kanadischen Highways jagt. Zugfahren geht natürlich auch, ebenso wie eine kürzere Strecke oder mehrere Abschnitte mit meeting points zwischendurch. Es ist bisher mal so angedacht. Ein bisschen ist es auch eine finanzielle Frage, denn Flug oder Fahrt und die zusätzlich Unterkunft würden sicher mit 800 CAD zu Buche schlagen, und unser geplantes Budget überschreiten wir eh schon (Lebensmittel und Campingplätze sind überraschend teuer). Wir werden sehen. Noch ist Zeit, bis diesbezüglich eine Entscheidung getroffen werden muss. 

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