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Tag 9 + 10 – Der Serpent River

Wir haben unsere vierte Walmart-Nacht hinter uns und als Gewohnheitstiere, die wir sind, bilden sich allmählich Rituale heraus. Beispielsweise der abendliche Parkplatz-Spaziergang zum Einschlafen mit Baby ToJo in der Trage, an dessen Ende wir meist alibi-mäßig im Walmart noch einen gesunden und ausgewogen nahrhaften Während-der-Fahrt-Snack für den nächsten Tag erwerben (vulgo: eine Tüte Snyder’s of Hanover Pretzel Pieces - Honey Mustard & Onion). Das morgendliche Frühstück geht dann mit dem obligatorischen Gang zur Kaffee-Rösterei des Vertrauens einher (vulgo: McDonald’s-Filiale im Walmart), wo wir fleißig Aufkleber sammeln um schon bald in den Genuss eines kostenlosen Heißgetränkes kommen zu können!

Da sämtliche Walmart-Supercenters absolut identisch aufgebaut sind und man sich daher auf bestimmte Abläufe verlassen kann, entsteht langsam ein absurdes Gefühl des Nach-Hause-Kommens, sobald wir am Ende des Tages an den äußersten Rändern der Asphalt-Prärie unser Lager aufschlagen. Es stellt sich ebenfalls heraus, dass trotz einheitlicher Struktur ein gewisser Spielraum in Sachen Erscheinungsbild, Hygiene, Freundlichkeit, Publikum und nicht zuletzt Preis des McDonald’s-Kaffees möglich ist. Je weiter man sich dem Landesinneren nähert, desto – man möchte sagen – einladender gibt sich der blaue Discount-Riese.

 

Es walmartet sehr!

 

Der Tag geht weiter mit Streifzügen durch TOYS ’R’ US (der Horror-B-Movie unter den Spielzeugläden: „Die Plastik-Bunt-Quietsch-Laut-Blink-Schrott-in-Rosa-und-Blau-Geld-Fresser kommen!“) und einem Baumarkt – jeweils auf der Suche nach Material um JoMo noch Baby-sicherer zu machen. Nun kann auf den gefühlten 2 qm ohnehin nicht allzu viel passieren, doch die kleine Dame mal eben unbeaufsichtigt auf dem Bett spielen oder die Schiebetür offen lassen können wir (noch) nicht.

Nach vielen gedanklichen Spielereien mit selbst gebauten Türsystemen, Auffangnetz-Konstruktionen, aufblasbaren Rutschen und hydraulischen Hebebühnen finden wir schließlich: „Das Brett“.

Das Brett“ ist ein Multifunktions-Element, welches durch seine Einfachheit ebenso besticht wie durch seine ungeheure Flexibilität bei gleichzeitig hohen Sicherheitsstandards in Sachen Materialverarbeitung. Zudem ist es ästhetisch ansprechend qua seines unaufdringlichen, in zwei natürlichen Farbtönen gehaltenen Designs und bietet mit seinem integrierten Belüftungssystem – ein symmetrisches Raster aus kleinen Perforationen – zusätzlichen Komfort. „Das Brett“ lässt sich als Rausfallschutz sowohl vor dem Bett wie auch am Seitenausgang installieren und während der Fahrt oder bei Nicht-Gebrauch perfekt hinter der Küchenzeile verstauen.

Mit dem stolzen Gefühl, einen echten Life-Hack erfunden zu haben, geht es weiter ins Herz von Ontario, immer auf den Knotenpunkt der Great Lakes zu. Wir möchten uns nach mehreren Walmart-Etappen nun eine kurze Verschnaufpause (und JoMo einen dringend nötigen Versorgungsstop) gönnen und steuern einen vielversprechenden Campground an: Serpent River.

Eine Internet-Recherche hat ergeben, dass es neben den Full-Hook-Ups im Zentrum des Campingplatzes auch eine (!) Stellfläche für RVs direkt am Flussufer gibt – und sie ist tatsächlich auch noch frei! Dieser wirklich schöne Platz und der Internet-Discount, den wir freundlicherweise bekommen, trösten sogar etwas darüber hinweg, dass der beworbene Pool geschlossen weil noch nicht befüllt ist. Zufrieden mit unserer Wahl öffnen wir Türen und Fenster und breiten uns aus. Ein fataler Fehler, wie sich herausstellt …

 

Wir hatten ja keine Ahnung …

 

Man muss kein rookie sein um rookie mistakes machen zu können. Ein kaum fließender Fluss mit unberührtem Wald drumherum im mild-warmen Wetter des kanadischen Frühsommers führt natürlich dazu, dass der insektoide Zensus einen erfreulich rasanten Anstieg der Moskito-Population zu verzeichnen hat. Aus der Mückenjagd des vorangegangen Tages wird gegen Abend eine unbarmherzige Schlacht um die Vorherrschaft im JoMo, welche wir unter überschaubaren Verlusten für uns entscheiden können. Immer wieder werfen wir uns schützend vor das Baby, welches in großer Freude ob des abendlichen Unterhaltungsprogramms mit der Fliegenklatsche in den Fäustchen im schmalen Gang des Campers hin und her patrouilliert. Als später weitestgehend Ruhe eingekehrt ist, werden wir mit dem ersten wirklich wundervollen Sternenhimmel der Reise belohnt, dem man seine Schönheit raubte, wollte man ihn auf ein schnödes iPhone-Foto bannen.

Der folgende Tag wird mit so spannenden Dingen wie Toiletten-Leerung, Klamotten-Waschen, Internet-Recherchen und dem versuchsweisen Aufbau eines Sonnenschutzes verbracht. Dazwischen erkundet Baby ToJo den Platz, winkt den sich zu 98 % im Rentenalter befindlichen Dauercamper*innen zu und beobachtet interessiert den Trockner.

 

Auch dies ist ein Urlaubsfoto!

 

Abends stellen wir fest, dass unsere Lernkurve in Sachen Moskito-Prävention gerne noch steiler ansteigen kann, denn trotz ständiger Achtsamkeit auf geschlossene bzw. stets mit Insektenschutz versehene Türen und Fenster kommt es vor dem Schlafengehen zu erneuten Scharmützeln mit dem blutsaugenden Stech-Volk. Langsam beginnt uns zu dämmern, dass hier andere Geschütze aufgefahren werden müssen …

 

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