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Tag 8 – Thoughts on the road

Es ist viertel vor zehn Uhr morgens und wir brechen aus Pembroke, „The Heart of Ontario Valley“, auf, um nach North Bay, „Gateway to the North“, zu fahren. Die Nacht auf dem Walmart-Parkplatz war eher kurz; zwei Mücken verlangten früh um fünf nach Elimination und nachdem auch das Einschlafen am Vorabend etwas schwer gefallen war, lag ich nach erfolgreicher Mückenjagd ebenfalls mehr oder minder wach, dicht gedrängt zwischen dem Seitenschläferkissen, welches die hinten liegende Person vor dem Kontakt mit der kalten Hecktür schützt, und dem Baby, das eine leichte Schräglage bevorzugt und daher statt dreißig Zentimetern in der Regel circa fünfzig Prozent des Betts für sich beansprucht. Meistens schlafe ich ja lieber außen, damit ich mal aufs Klo kann, aber da das Kind mir auf meiner Suche nach etwas mehr Freiraum gern hinterher rutscht und die nächtliche Verfolgung der mütterlichen Brust dazu führte, dass ich auf der zum Wohnraum hin offenen Bettseite ein paarmal fast herausgefallen wäre - was meinem Nachtschlaf nicht zuträglich war - hatten Tim und ich die Plätze getauscht. Jetzt muss ich also über Kind und Mann klettern, um aufs Klo zu gelangen, benötige dafür aber keine schlafraubende Konzentration mehr, um die Position zu halten. Der neue Hindernisparcours führt nun wiederum dazu, dass ich lieber nicht auf Klo gehe und dann nicht schlafen kann, weil ich mal muss. Oder weil allein der Gedanke daran, dass es jetzt kompliziert wäre aufs Klo zu gelangen, mir Harndrang verursacht. Ja, optimal ist das (noch) nicht. Aber gut genug, besonders, da wir uns quasi täglich verbessern, was die Schlafeinrichtung betrifft. Fünf von neun mitgeführten Kissen beispielsweise, die sich ursprünglich im Bett befanden - man weiß ja nie -, sind bereits in die Schränke verbannt worden. They did’t spark joy (… just made it mildly hard to breathe). Marie Condo wäre stolz auf uns.

 

Eigentlich wollte ich nun damit fortfahren zu erzählen, dass neben mir im Kindersitz das Baby, nach dem morgendlichen Besuch bei McDonalds (für Kaffee und zwei, drei Burger) und einem Spaziergang über den Walmart-Parkplatz (selbst gelaufen; gekrabbelt wird kaum noch) inklusive dessen Grünstreifen, friedlich schlummert, während das Jomo monoton rumpelnd Kilometer gen Westen macht und ich langsam ein Gefühl bekomme für die Größe und Vielfalt des Landes. Gestern parkte, lässig rückwärts, neben uns ein riesiger knallroter Pick-up-Truck ein, und der Fahrer ließ die Scheibe runter. „You guys travelling across Canada?“ Tim, das Baby auf dem Arm, vor der offenen Seitentür stehend, bejahte. Ich war kurz ein bisschen anti, weil wir eigentlich gerade essen wollten, doch es entspann sich binnen Sekunden eine freundliche Konversation und der Kanadier, selbst Truck-Fahrer, erwies sich als Kenner des Westens wie auch der Wege, die dorthin führen. Zwischen dem Lake Superior und Winnipeg, so Kurt, sei die Fahrt sehr langweilig. Nichts, aber auch nichts sei an der Strecke zu sehen. Aber ab Calgary dann, dann würde es richtig beeindruckend. Und Banff! Die Nationalparks in den Rockys! Ja, genau da wollen wir auch hin. Jetzt noch umso mehr und besonders mit den guten Wünschen für eine tolle Zeit von Kurt, der nach dem Schwätzchen und dem Hinweis, dass der Sprit im Westen noch billiger wird („How do you like the gas prices, eh?“), wieder abbraust.

 

Ob Touristen das in Deutschland auch passieren würde, dass Inländer sie ansprechen, woher sie kommen und wohin sie unterwegs seien, fragte Tim anschließend, denn es war bestimmt schon das zwölfte Mal, dass wir unsere kleine Story mit der Verschiffung und dem Ziel, das Land zweimal zu durchqueren, erzählt hatten. Ich weiß es nicht. Ich habe jedenfalls noch nie offensichtlich ausländische Reisende an einem Rastplatz nach ihren Plänen befragt und ihnen viel Spaß in Deutschland gewünscht. Natürlich fallen wir hier zwischen den Pick-ups bzw. Autos in überwiegend gedeckten Farben und den weißen Mobilehomes auch auf wie ein bunter Hund mit dem zitronengelben Kastenwagen und dem ungewöhnlichen Kennzeichen (sowie dem außerordentlich niedlichen Baby, natürlich). In Deutschland - in Europa - ist die Sichtung ausländischer Kennzeichen an der Tagesordnung, und Camper und Vans in vielen Formen und Farben gehören ebenfalls zum normalen Bild auf den Straßen. Vielleicht würde man jedoch genauer hinschauen, wenn einem so ein kanadisches oder amerikanisches Schlachtschiff von Wohnmobil im Grunewald begegnete, auf dessen Kennzeichen „Ontario“ stünde. Allerdings dürfte das Gefährt in Deutschland kaum mit seinem heimischen Kennzeichen unterwegs sein, was die Identifikation erheblich erschwerte (kanadische Autos haben übrigens nur hinten ein Nummernschild, vorne ist einfach nichts). Zudem erwartet offenbar kein/e Kanadier/in eine Sprachbarriere, was mir in Deutschland auf jeden Fall anders geht. Good for them!

 

Eigentlich wollte ich ja weiter ausführen, wie sich die Landschaft seit Halifax bereits verändert hat und es jetzt gerade schon wieder tut, und wie wir tiefer in dieses riesige Land eintauchen und uns in das Walmart-Van-Nomaden-Leben eingrooven, weil wir beschlossen haben zu versuchen, erstmal im Reisen anzukommen, statt irgendwo länger Station zu machen. Aber das Baby ist aufgewacht und verlangt nach einer Pause. Zweimal zwei Stunden pro Tag fahren lautet der aktuelle Kompromiss zwischen allen Bedürfnissen nach Road-Trip, Rocky Mountains und eigentlich einfach nur Rumrennen. Heute machen wir es sogar extra kurz, weil es regnet und man da schlecht einfach irgendwo pausieren kann. Entsprechend planen wir heute den Besuch einer Mall (für schnelles Internet und Rumrennen) sowie eines Indoor-Spielplatzes (nur für Rumrennen) und, wenn es geht, eines Waschsalons. Gestern hatten wir damit nämlich, trotz Zeit, kein Glück. Geschlossen wegen Wasserschaden. You don’t say.


Zeitsprung: Wir haben es nach North Bay geschafft und internetten und rennen in der Mall rum. Baby ToJo sparks joy with everyone. I guess we keep her.

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