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Tag 7 – Der neue Plan

Sweet wheels!“ (auf Deutsch vielleicht sowas wie „Starke Karre!“ oder [literarisch gewählter] „Schnittiger fahrbarer Untersatz!“) Der junge Typ im Grunge-Look an der Zapfsäule vor uns, den Kajak auf dem Dach des alten Ford festgezurrt (und also selbst ausgewiesenermaßen swag), nickt anerkennend. Es ist der vielleicht lakonischste Kommentar, den wir bisher für JoMo eingefahren haben (no pun intended). Das warme Gefühl des Stolzes wandert von der Brust ins breite Grinsen. „Thanks, man.

Wir sind auf dem Weg hinaus aus Montreal und haben als Familie das Bedürfnis nach einem kollektiven Reinigungsritual. Deshalb wird das Kanata Leisure Centre and Wave Pool angefahren, welches in einem Randbezirk der Stadt und zufällig genau auf unserem Weg liegt. 

 

Die Fassade klingt vielversprechend!

 

Leider gibt es nur begrenzte, feste Wellenzeiten in den Abendstunden, dafür ist es in den Mittagsstunden angenehm leer und Baby ToJo ergeht sich in Badespaß. Erwähnt sein möchte noch die Tatsache, dass für ein Schwimmbad von der überschaubaren Größe eines Basketballfelds mit anderthalb Becken und aktuell etwa 7 Besucher*innen eine Staffel von 5 Aufseher*innen eingeteilt ist. Und wir sprechen nicht von gelangweilten Bademeistern Mitte 40 mit Plauze und Adiletten, die in irgendwelchen Plastikstühlen herumlümmeln und erschrockene Kinder  am anderen Ende der Bahn durch ein Megaphon autoritär anbellen. Das hiesige Rettungs-Team versprüht die Kompetenz und Disziplin einer Navy-Seals-Truppe und sie patrouillieren im Baywatch-Gedächtnis-Outfit mit ihren Schwimmhilfen im Anschlag, als wären dies die heiß geliebten M27 IAR. I kid you not! Als Mama-Papa-Kind alleine und friedlich im 30 cm tiefen Babybecken (!) spielen, steht Sgt. Poolprotect keinen Meter entfernt am Beckenrand und lässt uns nicht aus den Augen.

 

Nach dieser Erfrischung verlassen wir zügig den französischen Sektor und in Ontario geht es weiter über Ottawa nach Pembroke, einem kleinen Städtchen mit Yacht-Hafen an den Ufern des Ottawa River. Diese Etappe ist kürzer als unsere vorhergehenden, da wir uns am Abend zuvor in Montreal auf einen neuen Reisemodus verständigt haben.

Obwohl Baby ToJo sich zunehmend an das Angeschnalltwerden in der Baby-Schale gewöhnt, bleibt es doch für einen Säugling mit der Ausdauer und der Energie einer Hochleistungs-Athletin verständlicherweise höchst frustrierend, längere Zeit am Stück halb sitzend/halb liegend fixiert zu sein und nicht dem inneren Drang des Erkundens, Entdeckens, Erfahrens folgen zu können. Bisher haben wir auf improvisiertes Individual-Entertainment-Programm während der Fahrtzeiten gesetzt, wobei allerdings Erfindungsreichtum, Requisiten und die Aufnahmebereitschaft des Publikums bald an ihre Grenzen stoßen. 

Der neue modus operandi sieht also vor, morgens recht früh aufzustehen, mit Frühstück und Klar-Camper-Machen die erste Wachphase zu füllen, in der ersten Schlafphase so viele Kilometer wie möglich zu schaffen, bei Erwachen und ersten Anzeichen von Langeweile eine Pause einzulegen (die nach Möglichkeit Bewegung im Freien und Snacks nach Wunsch beinhaltet), um die zweite Schlafphase wieder für’s Fahren zu nutzen und das jeweils am Abend vorher gesteckte Ziel mit Beginn der letzten Wachphase zu erreichen, wo dann gespielt, zu Abend gegessen und in den Schlaf gesungen wird. Bei den herrschenden Tempo-Limits von 90 bis maximal 110 km/h wäre so eine tägliche Strecke von 300 bis 400 km im Bereich des Möglichen.

 

Eine dieser sogenannten Pausen.

 

Der neue Plan verdoppelt unsere angepeilte Fahrtzeit Halifax–Vancouver von knapp 14 Tagen auf etwa einen Monat. Anderseits wird auf diese Weise den Bedürfnissen aller Beteiligten entsprochen und wir haben nicht das Gefühl, dass wir unsere Tochter in ihrem Bewegungsdrang und ihrer Freude an den genannten drei Es einschränken. Slow Travel heißt die neue Losung – und sie entspannt auch die Eltern innerlich. Wir haben uns ja ursprünglich genau deshalb drei Monate vorgenommen – um Zeit zu haben. Die Westküste und die National Parks der Rocky Mountains bleiben der erklärte Hauptgang im menu canadien, lediglich die Vorspeisen werden etwas ausgedehnter.

 

Baby ToJo bei den drei Es.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    TT (Sonntag, 24 Juni 2018 11:41)

    Ihr Lieben,
    es tut gut zu lesen, dass Eure Reise so voller besonderer Eindrücke und Erlebnisse ist, wenngleich offensichtlich nicht alles immer einfach gemeistert werden kann. Ich wünsche Euch weiterhin ganz viel Freude! Ich selbst empfinde Freude beim lesen, besonders gut hat mir Sgt. Poolprotect gefallen, super!

    LG aus der kalten und verregneten Heimat Berlin!

    Sonntag, 24. Juni 2018