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Tag 5 + 6 – Die ersten Walmarts in Québec

Nach anderthalb sonnigen Tagen verlassen wir Mactaquac, nicht ohne an der Dumping-Station von einigen Kreuzfahrtschiff-Besitzern angeraunzt zu werden, weil das Ablassen des Grauwassers bei einem bodenständigen Campervan inklusive Old-School-Charme eben etwas länger dauert als bei einem noch nicht abbezahlten, 3-achsigen Raumschiff mit dem Ressourcen-Verbrauch einer mittelgroßen Kleinstadt, bei dem man seine stolzen White-Trash-Fäkalien durch riesige Schläuche unter pneumatischem Hochdruck binnen Sekunden in das Abwasser-Loch schießen kann. Und sowas schimpft sich „Camper“.

Jedenfalls tingeln wir bald gemütlich auf dem HWY 2 nach Norden – rechterhand die Grenze zum US-Bundesstaat Maine – und die Landschaft beginnt sich für das touristische Auge langsam zu kanada-isieren: Das Farmland weicht ausgedehnten Waldgebieten, die Topographie wird insgesamt hügeliger und die Straße gerader. Nicht zuletzt weist die nun vermehrt auftretende Elch-Beschilderung darauf hin, das wir auf dem richtigen Weg sind.

Wir hoffen heimlich, dass bald einer auftaucht.

 

An seiner nördlichsten Spitze wird der US-Bundesstaat Maine dann umfahren und – ZACK! – ist man nicht nur in der nächsten kanadischen Provinz (Québec) sondern – WUSCH! – auch mal wieder in einer anderen Zeitzone (Eastern Standard Time), wo’s plötzlich – FUMP! – eine Stunde früher ist! Eine weitere Veränderung in der frankophonsten aller Provinzen ist die Tatsache, dass während im Rest Kanadas Straßenschilder, Werbetafeln, öffentliche Anschläge, etc. meist zweisprachig gehalten sind, alles im stets mit der Sezession liebäugelnden Québec konsequent nur noch auf Französisch stattfindet. Selbst das Englisch-Sprechen an der Supermarktkasse geht zwar nach wie vor mit der nordamerikanischen Service-Freundlichkeit allerdings unter deutlich erkennbarem Augenrollen vonstatten. All das erinnert tatsächlich sehr an das Mutterland jenseits des Großen Teichs.

Was man von der Sprache absurderweise nicht behaupten kann. Nun schreibt hier beileibe kein Experte  des Französischen, aber das Idiom der Québécois klingt in etwa so, als wäre das europäische Französisch nach einer Privatinsolvenz auf der Straße gelandet, hätte das zufällig vorbeikommende Amerikanisch überfallen, sich dessen Klamotten übergezogen, und würde sich nun als Schwester vom Portugiesisch ausgeben um vom Kanadisch nicht erwischt zu werden.

Aber Humor scheinen sie zu haben, die Québécois:

 

Das Dorf muss ’n Brüller sein.

 

Nach einer kurzen Rast auf dem sehr lauschigen Mulherin’s Campground (vielleicht ein Stop für die Rückreise?) erreichen wir mit dem Walmart in Rivière-du-Loup das Tagesziel, von wo tags darauf scharf nach Südwesten abgebogen und Montreal ins Visier genommen werden soll. Bis auf die Tatsache, dass wir trotz Zeitverschiebung genau zum Ladenschluss ankommen (sonntags hat Walmart nur bis 17:00 statt bis 22:00 geöffnet … tz tz … Provinzler!), verläuft das erste Walmart-Overnight-Parking problemlos und recht angenehm.

 

Einige Kollegas sind auch bereits da.

 

Wer findet das Erdmännchen?

 

Das Frühstück fällt zu Gunsten des frühen Aufbruchs zunächst aus und wird später bei einem Truck-Stop in einem Diner nachgeholt, das exakt so aussieht, wie man sich (auch in Kanada) ein amerikanisches Diner vorstellt. Es gibt scrambled eggs und pancakes, was tatsächlich gar nicht mal so lecker schmeckt – und wir befinden uns nach wie vor im „französischen“ Teil des Landes – aber der coffee re-fill satt und das Ambiente mit sehr freundlicher Kellnerin und frühstückenden Truckern um uns herum bekommen definitiv die volle Punktzahl.

 

Das Diner mit dem konsequenten Namen „ARRÊT!“

 

Insider-Tip für die Fahrt nach Montreal mit dem PKW: Auf gar keinen Fall machen!

 

Da dauert es etwa eine Woche, bis wir auf Kanadas Straßen zum ersten Mal etwas auch nur entfernt Stau-Verwandtes zu Gesicht bekommen, und dann aber gleich volles Mett! Schon einige Kilometer vor der Stadtgrenze auf dem HWY 20 geht es los und dann hört es für 90 Minuten nicht mehr auf. Bevor man die Stadt an sich überhaupt erreicht, muss man (dem Trans-Canadian-Highway folgend) den St. Lawrence River über- bzw. via Tunnel unterqueren. Hat man das geschafft, folgt man, um ins Zentrum zu gelangen, einer für das dortige Verkehrsaufkommen viel zu schmalen, uralten Straße parallel zum Frachthafen, um sich sogleich in einem Gewirr aus Autobahnauf- und -abfahrten, Kreiseln, Kreuzungen, Über- und Unterführungen wiederzufinden. Das Ganze wird weiterhin dadurch erschwert, dass sich zeitgleich schätzungsweise allen übrigen 1,8 Millionen Einwohner*innen der Stadt ebenfalls auf den Straßen tummeln und (zumindest aktuell) an der gesamten genannten Infrastruktur auch noch fleißig gebaut wird. Das ganze bei 28 Grad ohne Schatten oder Klimaanlage dafür mit genervtem Baby auf dem Rücksitz und man bekommt eine sehr eindrückliche Vorstellung von Dantes Höllenkreisen.

Das offensichtliche Totalversagen des Planungsstabs der Senatsabteilung für Verkehr in Montreal wird glücklicherweise mehr als aufgewogen durch die Atmosphäre, welche die Stadt verströmt, wenn man das Auto erst mal verlassen hat.

 

Wir finden eine Art kleinen Park mit Sportfeld, großer Wiese, den obligatorischen Picknick-Sitzgruppen und einem Spielplatz auf dem sich Baby ToJo eine Weile austoben kann. Das Publikum auf dem Spielplatz ist angenehm multi-ethnisch, mindestens 7 unterschiedliche Sprachen sind zu hören, so divers kennen wir es bisher tatsächlich nur von Berlin-Neukölln. Cool! Wir fühlen uns beinahe heimisch als wir uns hernach mit asiatischem Take-Out-Food auf die Wiese setzen und die sonnenbadenden Hobos Baby ToJos Pluderhosen bewundern lassen.

 

playground community

 

Nach dieser Versöhnung mit Montreal finden wir auch bald den nahegelegenen Walmart, wo wiederum einige Kollegas bereits ihr Lager aufgeschlagen haben. Die Nacht wird ruhig.

 

il tramonto

 

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