· 

Tag 3 + 4 – Das erste Bier

Der Plan ist nach wie vor ohne Eile und doch zielstrebig das Land (und damit den Kontinent) zu durchqueren um sich dann auf dem Rückweg (während der Sommermonate) ordentlich Zeit für ausgewählte Stationen zu nehmen – natürlich nicht ohne vorher angemessen Zeit in Vancouver und vor allem am Pazifik verbracht zu haben.

Was letzteren angeht, möchte ich an dieser Stelle demütig beiseite treten, und mit Herman Melville einem wirklichen Experten auf dem Gebiet das Wort überlassen: 

„Der Stille Ozean. Meile um Meile entrollt er sein wogendes Blau gen Osten. Welch ein liebliches Geheimnis liegt in diesem Meer. Sein sanftes, Ehrfurcht gebietendes Wogen scheint von einer tief verborgenen Seele zu sprechen. Millionen von Schatten, versunkene Träume, schlafwandelnde Sehnsüchte, alle Dinge, die wir Leben und Seele nennen, liegen träumend und immer weiter träumend am Grund; werfen sich hin und her in unruhigem Schlaf und erschaffen mit ihrer Rastlosigkeit die ewig wogende Flut. In diesen Wassern wogt die Mitte der Welt: Er, der gottgleiche Pazifik, umschlingt den Leib der Erde; alle Küsten sind für ihn nur eine Bucht; seine Gezeiten sind der Herzschlag der Welt.“

So peilen wir also Fredericton, die Hauptstadt von New Brunswick, genauer gesagt den dortigen Walmart an.

Was letzteren angeht, möchte ich an dieser Stelle erneut demütig beiseite treten und mit Jo einer wirklichen Expertin auf dem Gebiet das Wort überlassen:

„Was für’n Kackladen.“

Walmart ist tatsächlich das, als was man es sich vorstellt: Eine riesige, schmutzige Halle, wo sich in lieblos angelegten Gängen von allem nur das Billigste aufreiht; alles Organische (wie Lebensmittel, Obst und Gemüse) sieht ebenso traurig aus wie die Mitarbeiter*innen, von deren Uniformen einem das obligatorische „HAPPY TO HELP!“ wie ein zynischer Witz entgegen schreit; alles Nichtorganische (Kleidung, Spielzeug, Camping-Ausstattung, etc.) verströmt sämtlich einen süßlichen Plastikgeruch, der auch das Erste ist, was man wahrnimmt, sobald man mit den schäbigsten Einkaufswagen, die Gott geschaffen hat, neben den Unzufriedenen der Gesellschaft durch die automatischen Türen tritt.

Indes: Walmart hat freies (meist fußlahmes) WiFi sowie (meist annehmbar grundgereinigte) Toiletten und man darf normalerweise nach freundlicher Anfrage auf den Parkplätzen übernachten, sofern man sich in deren äußersten Winkel stellt, nichts aufbaut oder unternimmt, was auch nur entfernt nach Camping aussieht, und tags darauf vor 08:00 wieder verschwunden ist. Die überall angebrachten „No overnight parking!“–Schilder tunlichst zu ignorieren wird man auch jedes Mal lächelnd aufgefordert.

Es ist ein seltsam Ding mit diesem Walmart-Overnight-Parking: Der Gründer von Walmart – angeblich selbst leidenschaftlicher Camper – präsentiert sich als großer Freund der RV-Reisenden, weshalb das Parken nach Ladenschluss überhaupt im Bereich des Möglichen liegt. Und doch hat man immer den Eindruck, alles dürfe von außen auf keinen Fall darauf hinweisen, dass hier Menschen in ihren Autos übernachten. Wobei doch alle wissen, dass dem so ist. Es scheint eine ganz eigene Art von gesellschaftlicher Verabredung zu sein, in der alle Beteiligten eine eindeutige Lüge als Wahrheit akzeptieren bzw. kollektiv verschweigen. Ähnlich dem öffentlichen Trinken von Alkohol aus braunen Tüten um das hiesige Verbot zu umgehen. Oder wie der Glaube daran, dass ich für die kleinen bunten Papier-Scheinchen, die mir der Automat eben ausgespuckt hat, morgen früh bei McDonald’s noch Kaffee bekomme. Oder wie Theater. 

Nachdem wir uns also bei Walmart mit dem Nötigsten eingedeckt haben, beschließen wir, angesichts der frühen Stunde und der brennenden Hitze auf dem schattenfreien Asphaltparkplatz, für dieses Mal doch lieber wieder einen Campingplatz anzufahren.

Mactaquac

Der Mactaquac Provincial Park wird es werden. Hübsch gelegen an einem gestauten Fluss mit eindrucksvollem Damm, wird der eigentliche Campground sanft von einem ausladenden Golf-Club umschmeichelt. Wir entscheiden uns gegen den schattigen Wald und für das eher offene Feld. Das hat zum einen den Grund, dass die Waldstellplätze meist mit Schotter ausgelegt sind und Baby ToJo aktuell jedes kleine Steinchen als willkommene Zwischenmahlzeit ansieht. Zum anderen passiert, als wir gerade einparken, eine Gruppe weiblicher Teens schmökend, pichelnd und mehr oder minder hysterisch giggelnd unsere Parzelle, um – worauf die bunte HAPPY BIRTHDAY-Girlande zweifelsfrei hinweist – über das Wochenende „Shelly’s Super Sweet 16“ zu zelebrieren. Mag dies auch der endgültige Eintritt in das Spießertum sein – aber die Aussicht auf zwei Nächte mit besoffenen Halbwüchsigen auf dem Höhepunkt ihrer hormonellen Erdverschiebung als Anreiner in der Cabin nebenan macht einem schnell die inneren Prioritäten bewusst. Während ich das JoMo wieder ausparke höre ich noch Sätze wie: „Like my mom’s so stupid, omg, she has sooooo no idea that I’m here right now …“ *nimmt einen Schluck aus ihrer Dose Palm Bay (Vodka-Strawberry-Pineapple)*

Ich trete auf’s Gas.

Ab jetzt stellt sich langsam Camping-Feeling ein. Nachdem wir Shelly & Co. gegen ein Rentner-Paar mit Wohnwagen links und eine Familie mit mittelgroßem Flugzeugträger rechts eingetauscht haben, breiten wir uns in Ruhe aus.

Die schwarze Schnecke unten rechts ist der Mücken-Tod.

Erwähnenswert an unserem Aufenthalt sind vor allem die erfolgreiche Reparatur des verstopften Abwasser-Schlauchs (durch Chef-Mechatronikerin Jo), die erste Mini-Wanderung durch halbwegs „wilde“ Natur (Tim & Baby ToJo auf dem vielversprechenden „Beaver-Pond-Trail“) und die Entdeckung, dass in Nordamerika der Camping-Trend zu nächtlicher Festbeleuchtung mit Karibik-Flair geht.

 

„Baby, den Schraubenzieher, bitte!“

 

Exklusiv auf diesem Bild: Die größten Kaulquappen der Welt.

 

"If you like Piña Coladas …"

 

Ja, und weil es weder im Walmart noch auf Campingplätzen alkoholische Getränke zu kaufen gibt, hängen Baby ToJo und ich an unseren Ausflug noch den Gang zur nächsten Tankstelle dran, um die Mamá nach ihrem (bis dato finalen) Arbeitstag mit einem kühlen Bier zu überraschen. Dabei stellen wir fest, dass in diesem Land nichts aber auch gar nichts auf Fußgänger ausgelegt zu sein scheint. Zu laufen hat man gefälligst im Wald auf dafür vorgesehenen Pfaden. (Wobei eine Strecke von 1,5 km auf einem größtenteils rollstuhlgerechten Trail in der Broschüre bereits als „mildy difficult“ beschrieben wird.) Alles andere sollte tunlichst mit dem Pick-Up erledigt werden – egal wie kurz die Entfernungen sind. Dementsprechend werde ich angestaunt (bzw. vom Parkwächter ausgelacht), wie ich so mit dem Baby in der Trage und einem Träger Molson Canadian Lager rechts sowie einem Träger Gahan Blueberry Ale links neben dem Highway entlang und durch den Park zurück zum Campground wandere.

Verbotenerweise trinken wir dann unser erstes kanadisches Bier doch in der „Öffentlichkeit“ – nämlich mit dem friedlich schlummernden Baby vor dem Bauch am späten Abend mit Blick auf denSaint John River.*

*Ehrlicherweise muss das Bild an dieser Stelle um das Partyboot erweitert werden, das von der Mitte des Sees aus seine Pop-Bässe mit uns teilt. Aber hey – Romantik ist, wenn man trotzdem knutscht!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0