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Tag 1 – Die Odyssee

Insider-Tip für Transatlantik-Reisen an die Ostküste: So fliegen, dass man zu derselben Zeit (Ortszeit!) ins Bett gehen kann, zu der man es auch zu Hause täte – dann erledigt sich der Jetlag quasi von alleine!

Dadurch, dass wir in Halifax gegen 22:00 ins Bett kommen und erst gegen 07:00 wieder raus müssen, bekommen wir erholsame 9 Stunden Schlaf, die sich für unseren Biorhythmus anfühlen, als wären wir einfach erst um 03:00 ins Bett gegangen, hätten dann aber bis 12:00 ausgeschlafen. Das funktioniert mit wachsender Zeitverschiebung natürlich irgendwann nicht mehr aber für uns ist’s ideal. Am ersten kanadischen Morgen fühlen wir uns einigermaßen fit.

Der morgendliche Ausblick by Hilton.

Das Frühstück im Hampton by Hilton ist die Achilles-Ferse der ansonsten ganz schnittigen Akkommodation. Sämtliches Geschirr besteht aus wegzuwerfender Pappe bzw. Plastik und Angebot wie Raffinesse des Aufschnitts entlehnen sich eher einer drittklassigen Jugendherberge in Chemnitz als einer Unterkunft, die sich mit Stolz als by Hilton vorstellt und die für eine Nacht ohne Schnickschnack über $200 nimmt. Ein bisschen wettgemacht wird es zugegebenermaßen durch die ziemlich leckeren scrambled eggs und die Waffel-Station mit maple syrup satt. Baby ToJos erster maple syrup an Tag 1 – gut, er wird eher in den Tisch einmassiert als gegessen – aber die Zahnärztin wird es danken.

Nach dem Frühstück beginnt Mission „Wir bringen die Band wieder zusammen!“ – JoMo vom Hafen abholen (wo es laut Spedition pünktlich eingetroffen sein soll). Diejenigen unter Euch, die einmal im Leben in den Genuss von Grand Theft Auto gekommen sind, werden das Gefühl nachempfinden können, dass sich (zumindest bei mir) in den kommenden 3 Stunden eingestellt hat. Rein ins Auto – Fahrt durch höllischen Verkehr – raus aus dem Auto – Objekt XY besorgen – wieder rein ins Auto – Fahrt durch höllischen Verkehr – raus aus dem Auto – Objekt YZ besorgen – wieder rein ins Auto – da capo … natürlich ohne Waffen und Leute überfahren … und das Auto ist gemietet und nicht gestohlen … und wir streben keine Karriere innerhalb der Halifaxer Unterwelt an … und die Polizei verfolgt uns nicht … und wir kriegen keine fetten Dollars als Belohnung … aber der Rest: pures GTA-Feeling! 

Los geht’s: Mit dem ausgedruckten Frachtbrief von SeaBridge zur Spedition (in der Nähe des Hotels) um die Zoll-Papiere zu bekommen. Mit den Zoll-Papieren dann über die Brücke nach Downtown Halifax zum Zoll um die Einfuhr-Erlaubnis zu bekommen. Mit der Einfuhr-Erlaubnis zum Containerhafen um JoMo zu bekommen. Mit JoMo nach Uptown Halifax um einen gebrauchten kanadischen Kindersitz zu bekommen. Mit dem Kindersitz zurück zum Hafen um alles Gepäck vom Mietwagen ins JoMo umzuladen. Vom Hafen zur Mietwagen-Rückgabe-Station. Von dort zu einer Tankstelle um Diesel zu bekommen und von dort zu einer weiteren Tankstelle, wo wir unsere Gasflasche füllen lassen können.

Die spannendste unter all diesen wirklich schönen Stationen ist natürlich der Moment, als wir JoMo nach seiner Schiffsreise endlich wiedersehen. Wir können bereits bei der Anfahrt zum Hafen einen flüchtigen Blick auf etwas Gelbes, zwischen den ganzen anderen Wohnmobil-Riesen irgendwie bescheiden und stolz zugleich Wirkendes erhaschen … Sollte es wirklich dort im Hafen von Halifax stehen und nicht doch nach einem dummen Missgeschick an Bord des Frachters am Grunde des Atlantiks vor sich hin rosten, wie man uns bestimmt gleich mit teilnahmsvollem Blick mitteilen wird?

Wer findet JoMo?

An einer Art grünem Grenzhäuschen mit Schranke bekommt Jo zwei Warnwesten mit Visitor-Ausweisen ausgehändigt und wir dürfen (mit dem mittlerweile schlafenden Baby in der Schale) eine Art Taxi besteigen, das uns durch das Labyrinth der turmhohen Container-Stapel kutschiert. Vor einem unscheinbaren grauen Gebäude inmitten des Hafen-Komplexes werden wir rausgelassen mit der Aufforderung, drinnen auf weitere Instruktionen zu warten. Einmal mehr werden Zettel abgestempelt und Unterschriften getätigt. Wir warten voller Anspannung. „Did you take a look at it and check if it’s ok?“ werden wir gefragt. Nein! Darauf warten wir doch die ganze Zeit! „Well then, it should be right over there.“ weist der Hafenmitarbeiter zwischen mehrere LKW hindurch. Der emotionale Grundton, als wir durch die haushohen Aufleger laufen und schließlich hinter der letzten Biegung die Gruppe verschiffter Wohnmobile vor uns auftaucht, lässt sich am besten mit folgender Szene verdeutlichen:

Da steht es. Das Zuhause unserer kleinen Familie in Kanada für die kommenden 92 Tage. Es ist ebenso sauber wie bei der Abreise, der Motor schnurrt wie ein satter Berglöwe, es hat die Verschiffung großartig überstanden. Wir steigen ein – drehen wegen des unterwältigenden Orientierungssinns des Autors eine extra Runde im Container-Labyrinth – und erreichen schließlich wieder die Schranke am kleinen grünen Grenzhäuschen. Der Wachmann klopft an die Scheibe. „Is the baby ok?“ Klaro! Er nickt, tippt sich an die Schirmmütze und weist mit zwei Fingern in Richtung Highway:

 

Welcome to Canada, guys!

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